Freitag, 16. Januar 2009

Toter Januar? Im Antonio-Feuer


Januar

Mancaversa am 03. Januar 2009
Uff. Finalmente! Heute morgen habe ich die Weihnachtsdeko verpackt und das neue Jahr kann beginnen. Ehrlich gesagt bin ich mit den besten Vorsätzen aufgestanden, einen langen Walking-Spaziergang zu machen…Sie wissen, die Weihnachts-Völlerei…Aber das Wetter hat mir, Petrus Sei’s gedankt, einen Strich durch die Rechnung gemacht. So verregnete Feiertage wie dieses Jahr hatten wir schon lange nicht mehr…klar, nach der extremen Wasserknappheit dieses Herbstes waren die Regentage im November und Dezember ein Geschenk des Himmels, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber Gift für die Linie…..naja, genug gejammert. Nur wegen des Sonnenscheins purzeln die Pfunde auch nicht!

Januar ist hier im Salento auch nicht der kälteste Monat des Jahres. Das Primat hat der Februar inne. Wenn schon die Mandelbäume blühen schlägt der salentinische Winter noch mal so richtig zu…Aber das halten wir aus. Wir wissen ja, dass es dann auch endgültig vorbei ist.

Trotzdem der Januar also nicht der kälteste Monat im salentinischen Kalenderjahr ist, charakterisiert ihn dennoch ein Feuer gigantischen Ausmaßes am 16. Januar abends in Novoli (ca. 10km westlich von Lecce): La „fuocara“ di Sant’ Antonio Abate. Wieder ein Heiliger, der hinhalten muss für die ursprünglich gar nicht so christlichen Bräuche im Salento. Was hat es damit auf sich?

Wenn die Weinernte um Novoli Ende September abgeschlossen ist und der Negramaro, der hiesige autoktone Rote gekeltert wird, werden die Rebstöcke kräftig für den Winter eingeschnitten. Was sonst auf irgendeinem Feld in der Nähe nach und nach verbrannt werden würde, wird in Novoli und Umgebung gesammelt und gesammelt und gesammelt. Olivenholzreste, alte Stoffe und noch so manches ausgediente hölzerne Möbelstück wird aufgehoben und aufgeschichtet auf der Piazza Tito Schipa von Novoli. Das Zauberwort heißt: Aufschichten. Denn das Material wird nicht einfach so aufeinander geworfen, wie’s kommt. Nein nein, seit Generationen lehren die Väter ihren Söhnen, die „focara“ kunstvoll aufzuschichten, die Materialien miteinander zu verknüpfen und zu verweben, sodass nicht einmal ein Sturm die „Focara“ umwerfen kann. Am Ende steht eine hölzerne Pyramide, ca. 20mt im Durchmesser und eben so hoch, ein gigantisches Freudenfeuer für die einen, ein Mega-Scheiterhaufen für die anderen. Woher stammt diese uralte Tradition?

Dem Heiligen Antonio Abate wird seit Urzeiten die Macht über das Feuer zugesprochen. Nicht umsonst nennt man ihn auch „Sant’ Antonio del fuoco“ – des Feuers. Der Heilige Antonio lebte im 3. – 4.Jh. im Nahen Osten. Er ist Stadtpatron von Novoli, weil er die Stadt von einem Feuer gerettet haben soll. Außerdem hat er laut seiner Biografie den Dämon bezwungen (die Begegnung wird ähnlich beschrieben wie die des Jesus in der Wüste) und eignet er sich damit schon aus zwei Gründen prima als Schutzpatron. Ihm zu Ehren wird am 16.01. die gigantische Focara entzündet. Am 17., dem eigentlichen Festtag, werden Tiere vor den Kirchen gesegnet. Auch diese Tradition wird dem Heiligen Antonio zugeordnet.

Ich kann Ihnen garantieren, dass Ihnen nicht kalt wird, wenn Sie sich entschließen, am 16.01. den Abend in Novoli zu verbringen. Abgesehen von der Tatsache, dass Novoli ein kleiner Ort ist und die vielen Autos weit vor dem Ort geparkt werden müssen (der erweiterte Stadtkern wird schon am Morgen abgesperrt), Sie also schon mal zu einer Wanderung im Abendschein gezwungen sind, sind da außer Ihnen jährlich noch weitere rund 50.000 Personen, es ist also schön kuschelig. Das Riesenfeuer tut dann ein Übriges. Und falls es immer noch frostig ist….es gibt ja noch den Vincotto…das ist bis zur Unkenntlichkeit eingekochter Rotwein, als Sirup gereicht. Schmeckt zu solchen Gelegenheiten mit den unvermeidlichen Pittule, die man darin tunkt, fantastisch.


07. Januar 2009

Sie werden sich vielleicht fragen, warum ich über meine Wahlheimat immer nur Kurioses schreibe, wo man doch auf der ganzen Welt tagtäglich über das eine Übel Italiens hört, sieht und liest, das Italien seit über 100 Jahren fest im Griff hat und auch nicht loslassen will: Die Mafia. Besonders im Süden, werden Sie gedacht haben, kann man sich diesem Phänomen ja nicht verschließen….und spätestens seit dem weltweiten Erfolg des Buches „Gomorrha“ von Roberto Saviano weiß man auch im Ausland ganz genau, was in Italien „geht“….

Wenig wird aber darüber berichtet, was gegen die Mafia getan wird. Erst kürzlich habe ich etwas mehr über die Organisation „Libera“ erfahren. „Libera“ bedeutet „frei“ und so banal das klingen mag – es ist es ganz und gar nicht. Frei sein kann nur, wer über sich, seine Familie, seine beruflichen Aktivitäten frei entscheiden kann. Das organisierte Verbrechen, wie ich bereits auf der Webseite „in-Italy“ schrieb, (http://www.in-italy.de/italien/artikel/3535-wo-liegt-der-sueden-italiens-eigentlich),hat längst viel weit reichendere Ambitionen: Das Ausland, die Politik und Wirtschaft, das sind die Sparten, in denen die Mafia inzwischen ihre Tentakeln ausgebreitet hat.

Das organisierte Verbrechen investiert die Gewinne weiterhin in Italien – in ganz Italien, um genau zu sein. Riesige Ländereien, Deck-Firmen usw. gehören der Mafia. Libera kümmert sich darum, dass nach der Konfiszierung durch den Staat diese Immobilien nicht brachliegen, verfallen oder gar wieder durch Mittelsmänner auf Gerichtsversteigerungen der Mafia zugeführt werden, sondern Kooperativen, Vereinen, Jungunternehmern etc. verpachtet werden. Erst letzten Freitag habe ich auf einer Schulveranstaltung Frau Marisa Capone getroffen. Sie ist Provinzreferentin für Lecce und erklärte mir Existenz und Wirken der Associazione „Libera“. 1995 gab es in Italien ein Referendum (eine Volksbefragung). Diese Referenden empfinde ich als ein grandioses Instrument der direkten Demokratie. Wenn gegen oder für eine Sache ein Minimum an Stimmen gesammelt werden, muss von der Legislative ein Volksentscheid diesbezüglich angestrengt werden. So wurde in der ferneren Vergangenheit gegen alle politischen Kräfte die Scheidung eingeführt, das Recht der Frau auf Schwangerschaftsunterbrechung usw. usw. Dieses demokratische Instrument funktioniert nur nach hinlänglicher und gut ausgeführter vorheriger Aufklärung. Und 1995 hat es einmal mehr funktioniert. „Libera“ hat sich als Verein konstituiert und in nur 3 Monaten einen Volksentscheid erreicht, der innerhalb desselben Jahres durchgeführt wurde und auch gleich 1996 als eines der wichtigsten Gesetzesentwürfe über den Verbleib der Mafiabesitztümer „durchgedrückt“. Dieses Gesetz 109 vom 09.März 1996 reguliert die Verwendung der endgültig konfiszierten immobilen Besitztümer des organisierten Verbrechens. Ich habe Frau Capone gefragt, wie genau diese Verwendungsänderung vor sich geht: Die endgültige Konfiszierung und anschließende Enteignung der Besitztümer erfolgt auf langen juristischen Wegen nach insgesamt 3 Instanzen. Wird nachgewiesen, dass die Immobilien tatsächlich „der Mafia“ gehören, mit Geld unbekannter Herkunft erworben oder erbaut wurden, werden diese enteignet und der jeweiligen Gemeinde unterstellt. Damit war lange Zeit auch schon alles vorbei. Entweder die Gemeinde brachte den Mut und das Geld auf, die enteigneten Objekte unter ihrer Schirmherrschaft „funktionieren“ zu lassen, oder ganze Landzüge, Villen, Appartements etc. lagen für immer brach und verfielen ganz, es sei denn, sie wurden versteigert. Bei diesen Versteigerungen konnte aber nie ausgeschlossen werden, dass nicht über Strohmänner doch wieder die ursprünglichen Besitzer, oder schlimmer noch, deren verfeindete Gegenspieler in den Besitz dieser Objekte gelangten.

Seitdem „Libera“ sich mit viel Mut diesen „unberührbaren“ Besitztümern angenommen hat, laufen die Dinge anders. Durch die Ernennung eines Verwalters gelangt „Libera“ in Mitverantwortung und führt gemeinsam mit der jeweiligen Gemeinde eine Kooperative oder Jungunternehmer, die durch die vorherige Bewilligung eines Projektes für die „Inbesitznahme“ qualifiziert worden sind, an die Objekte heran. Frau Capone erklärte mir, dass fast alle Kooperativen, die heute mit der Lebensmittelproduktion beschäftigt sind, anerkannte Bioprodukte herstellen: Pasta, Olivenöl, aber auch Zitrusfrüchte, Wein, Gemüse, Honig und Marmellade, Salami und Käse….Sie alle kürt das Markenzeichen: Libera Terra (Freie Erde). Und das ist mehr als nur ein Logo für Qualität. Vor allem ist es ein richtiger Schritt in die richtige Richtung: „buono, sano e giusto“. Die Produkte seien „gut, gesund und gerecht“. Ein besseres Marketing kann man dafür gar nicht entwickeln. Dahinter steht eine ganze Organisation, das „Consorzio sviluppo e legalità“ – das Konsortium Entwicklung und Legalität, Coop-Freunde (gli amici coop) usw. Vor allem aber stehen Institutionen, Schulen, Gruppen und Privatpersonen hinter „Libera“ und geben „Legalitätskurse“, informieren an Schulen, organisieren Konferenzen und Diskussionsforen usw. Wenn, wie es im Februar-März 2009 passieren wird, dass in Casarano das Urteil die endgültigen Enteignung eines Objekts (ein Appartement) erwartet wird, stehen schon alle in den Startlöchern. Gemeinsam werden die Projekte zur Weiterverwendung beurteilt, das Beste im Gremium ausgewählt, es wird wieder einmal informiert. Frau Capone hat mich eingeladen, den Versammlungen beizuwohnen und ich werde sicherlich weiter darüber berichten.

„Libera“ hat außerdem den 21. März als Gedenktag für alle Opfer der Mafia ausgerufen. Mehr noch. Der 27. Januar, seit jeher als Gedenktag für die Opfer des Holocausts hier in Italien bekannt, soll, nach „Libera“ auch der Tag des sozialen Befreiung aus der Mafiaknechtschaft werden.

Aktuell gibt es in der Provinz Lecce 66 konfiszierte Objekte verteilt auf 13 Gemeinden.

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt „Libera“s ist das „Aufmerksam machen“ auf die internationale Vernetzung des organisierten Verbrechens. Frau Capone sagte mir: „Die Deutschen sind nach den Vielfachmorden von Duisburg (15.08.2007 Anm.d.A.) aufgewacht. Da haben auch die deutschen Bürger bemerkt, dass die Mafia direkt unter ihnen weilt, dass sie in ihren Lokalen speisen, dass der nette Kellner vielleicht ein Scherge ist.“ Damit will sie keineswegs die vielen italienischen Gastarbeiter, die sehr gut in Deutschland integriert sind und die ehrlich ihr Brot verdienen, diskreditieren. Vielmehr will sie darauf aufmerksam machen, dass das kein isoliertes sizilianisches, oder italienisches Phänomen ist. Das organisierte Verbrechen ist leider überall präsent und jede Verhaftung, jedes aufgedeckte Netzwerk sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wer mehr wissen will kann mir gerne schreiben, ich leite alle Fragen an Frau Capone weiter.
Im Moment bemühe ich mich um die Erlaubnis, das Label von Associazione Libera hier auf meinem Blog führen zu dürfen. Flagge zeigen…

Ein weiterer sehr informativer Artikel zu „Libera“ erschien im April 2008 im Stern. Er ist nachzulesen unter:
http://www.stern.de/panorama/:Terra-Libera-Mit-Oliven%F61-Mafia/617736.html

Auch die deutsche OEKOGENO aus Freiburg hat 2008 in seinem Jahresbericht „Libera“ erwähnt:

http://www.oekogeno.de/uploads/pdf/Gutes_Geld_Herbst_2008.pdf

Suchen Sie verstärkt „Terra Libera“ –Produkte. Die Mafia dankt es Ihnen bestimmt nicht!

Inzwischen haben wir Mitte Januar. Ich entschuldige mich an diesem Punkt nochmals für die Verspätung, mit der mein Januar-Kapitel hier im Blog erscheint.

Das Leben geht seinen gewohnten. Gang. „solita vita“ – wie die Italiener sagen. Das Wetter ist uns dieses Jahr auch nicht hold, in den letzten Jahren erinnere ich viel wärmere und trockenere Januare und die Grippewelle erfasst ganz Italien mit unglaublicher Wucht…

Wenn Sie außerhalb der Badesaison Italien besuchen, wird Ihnen an den Einheimischen eins auffallen: Sie sind vermummt. Auch heute noch tun mir die kleinen Kinder leid, die im schönsten Sonnenschein angezogen werden, als müsste man nicht am Kindergarten, sondern am Nordpol aus dem schützenden Auto aussteigen. „Und dann wundern sich die Mütter, wenn ihre Kleinen ständig krank sind…“ dachte ich jahrelang fast verächtlich. Nun, die Zeit lehrt…inzwischen bin ich auch etwas anders angezogen, zumindest, wenn ich längere Spaziergänge vorhabe. Das liegt daran, dass vor allem der Salento sehr windig ist. Er liegt, wie Sie wissen, zwischen zwei Meeren und genau das macht das Klima auch im Sommer etwas angenehmer als anderswo. Nur vom Herbst bis zum Frühjahr hat das auch seine Tücken. Der Wind ist kalt, auch wenn die Sonne, wie beispielsweise gestern in den Mittagsstunden vom Himmel brennt und das Sonnenthermometer auf laue 23 Grad aufheizt. Aber nur in der Sonne. Der Wind kam aus Norden (Tramontana….trocken und eisig) und auch nur 10 Minuten draußen im Fleecepulli (um zu sehen, was meine Blumen und Pflanzen machen) und mir kratzte der Hals….Dasselbe passiert bei Scirocco. Der Wind ist zwar warm, aber er ist gleichzeitig feucht. Diese tückische Mischung lässt schwitzen, aber wehe, man zieht sich aus. Sie werden sagen…na wenn sie aber auch keine Abwehrkräfte besitzt….nun vielleicht nicht genug, aber selbst die, die hart im Nehmen sind, ziehen sich hier anders an. Denken Sie also daran. Windfeste Kleidung und wenigstens ein Stirnband sind im Süden im Winter auf alle Fälle nicht falsch. Überhaupt ist es nicht so, dass die Italiener gar nicht ins Freie gehen. Die hier so gern gesehenen Open-Air Konzerte gibt’s auch mitten im Winter und das hat schon was…Vor ein paar Jahren habe ich auch schon darüber berichtet…

http://www.in-italy.de/italien/artikel/3533-von-taranteln-und-gezwickten"

Dienstag, 6. Januar 2009


as a co writer of this blog
i like to wish all viewers
a very god new year
i will be in the salento in march
looking very much forward to this
* **
ich wünsche allen besucher
dieses blogs ein gutes neues jahr
ich werde im marz im salento sein
und zähle die tage bis es soweit ist
henry

Donnerstag, 27. November 2008

Vom Salento komm' ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet nicht so sehr!



Alle Jahre wieder, wenn in Deutschland die Lichter aus- und die Kerzen angehen, sehne ich mich, ja ich geb’s zu, zurück ins Matschwetter und zu allem, was man als Deutscher so gar nicht zu schätzen weiß.

Ich lade Sie also wieder einmal ein, sich in (schon richtig gelesen, nicht „aus“) unser imaginäres Fenster zu lehnen und den Süditalienern ein bisschen bei den Weihnachtsvorbereitungen zuzusehen.

Stellen Sie sich Anfang Dezember im Süden Italiens vor…die Olivenernte ist in vollem Gange. Rosen, Hibiskus, Bougainville, Amarilis, Clivien, Nelken und vieles mehr, was den heißen und überaus trockenen Sommer scheut, hat sich die angenehmere Jahreszeit ausgesucht, um sich fortzupflanzen und unserem Auge einfach nur Gutes zu tun. Vieles blüht bereits zum zweiten, wenn nicht sogar zum dritten Mal. Die Wiesen sind sattgrün und die Vögel, die Deutschland und die anderen nördlichen Gefilde längst verlassen haben, zwitschern in den vollen Baumkronen um die Wette. Die Wandergruppen ergehen den Salento jetzt wöchentlich, denn die kühle Temperatur lässt eine angenehmere Gangart bei mehr Kondition zu.

Seien Sie ehrlich: Käme bei Ihnen da Weihnachtsstimmung auf? Eben! Hier ein fast schon dreister Werbeschrei an alle Weihnachtsmuffel: Auf nach Süditalien! Hier kann man Weihnachten fast gänzlich meiden, wenn man nicht einkaufen geht! Also zugegeben: Hier und da blinkt uns ein recht lieblos mit bunten Lichtern geschmückter Blattbaum in einem Vorgarten zu. Aber sonst…das Klima lässt zumindest sehr häufig nicht auf Weihnachten schließen.

Erinnern wir uns doch einmal einen Moment, warum Weihnachten am 25. Dezember gefeiert wird: Das Christentum hat sich schon immer dort, wo es Verbreitung fand, nach anfänglichem Sträuben bis totaler Verweigerung der heidnischen Sitten vor Ort gebeugt. Im Falle von Weihnachten war das die längste Nacht des Jahres (um den 22. Dezember) anlässlich derer ein Tannenbaum (immergrün und daher im Norden hochverehrt) geschlagen und in die Hütte gestellt wurde. Er wurde mit dem Obst des Herbstes (meistens Wildäpfel und Birnen) behangen und der Licht-/Sonnengott wurde angefleht, die Tage recht rasch wieder länger werden zu lassen. Auf das der Frost bald der Sonnenwärme weiche und man wieder das Land bestellen könne, wurden Kerzen entzündet und am Tannenbaum befestigt….wussten Sie nicht? Sehen Sie, ich auch nicht. Den eigenen Traditionen und ihrer Bedeutung wird man sich in der Fremde viel eher bewusst, als zu Hause. Schon deshalb rate ich meinen Schülern immer, so schnell wie möglich für einige Zeit das Weite zu suchen…auch, um die Nähe zu finden:

Ich habe jahrelang verzweifelt einen Weihnachtsbaum in einer süditalienischen Kirche gesucht….vergeblich. Bis heute übrigens. Mit diesem „heidnischen Zeugs“ will der süditalienische Pfarrer nichts zu tun haben, selbst dann nicht, wenn auf dem Petersplatz in Rom jährlich der höchste und schönste Tannenbaum aus dem fernen Südtirol oder aus dem Aostatal unter Mühen, Verkehrsblockaden und Verzweifeln aller Umweltschützer (doppelt, weil erstens ein alter Baum abgeholzt und zweitens so weit transportiert wird) in der ersten Adventwoche aufgestellt und bestaunt wird.

Nun, Tannenbaum ist hier traditionsgemäß also schon mal gar nicht. Als ich vor vielen Jahren hierher kam, hab’ ich beim Tannenbaumschmücken bittere Tränen der Verzweiflung vergossen: Ich hatte mir fast alles aus Deutschland mitgebracht, aber eine Lichterkette haben ich und mein Mann (damals noch in spe) uns hier gekauft. Ich habe noch nicht einmal darauf geachtet, was das für eine war. Die Lichterketten in Deutschland waren schließlich alle fast gleich. Nicht so hier: Die Lichterkette, die wir erwischt hatten und, wie ich hinterher entsetzt feststellte, wie alle war, die es hier zu kaufen gab: Mit bunten Lichtern bestückt und das alleine wäre ja noch zu verkraften gewesen. Was viel schlimmer war, sie leuchtete in unregelmäßigen Abständen techno-mäßig auf und als letzter Schrei, mit jeder Aufleucht-Sequenz ertönte eine Midi-Melodie mit Weihnachtsmusik!! Einfach entsetzlich, ich halte mich selbst für ziemlich tolerant, aber können Sie sich so etwas vorstellen? Wenn ein kleines bisschen Weihnachtsstimmung aufgekommen war – nun war sie sicher unwiederbringlich dahin! Da half es auch nichts, dass mein italienischer Anzutrauender sich sofort daran gemacht hat, die Melodie auszuschließen, heiße Tränen benetzten die guten deutschen, weil importierten, wertvollen Wachsfiguren, von denen sich meine Mutter für mich getrennt hatte.

Schnell entdeckte ich, dass die Italiener zu Hause im Gegensatz zur hiesigen Kirchendoktrie sehr wohl Weihnachtsbäume aufstellen und davon überzeugt sind, dass diese schöne Dekoration aus Amerika zu ihnen gekommen ist. Ein kurzer Blick auf den Baum damals zeigte mir sofort, warum man diesem Irrglauben nachhing: Er war durch und durch aus Plastik. Der Baum selbst, die Kugeln, das Lametta, die bunten Figuren, alles aus Plastik. Dazu die oben beschriebene blinkende Lichterkette und der Horror schlechthin war fertig. Diese Bäume gibt es fertig geschmückt für ‚nen Appel und n’ Ei zu kaufen. Selbstverständlich gibt es auch die teuren Versionen, größer, die auch weniger nach Plastik aussehen und die etwas weniger bunt sind. Aber eben immer so, wie wir, Sie und ich, uns einen Weihnachtsbaum gar nicht denken. Nun, die 90ger Jahre zogen ins Land und seit dem neuen Jahrtausend sieht man in vielen Häusern und guten Geschäften wunderschön geschmückte, farblich thematisierte und liebevoll hergerichtete Weihnachtsbäume stehen. Weiterhin aus Plastik. Darüber kann ich aber hinwegsehen, schließlich ist es dann wenigstens kein „Einmal-Weihnachtsbaum“. und man vermeidet sinnloses Abholzen. Immerhin…die Lichterketten sind jetzt sanft blinkend, fast immer in weiß und vermitteln den Eindruck eines Weihnachtsbaumes unter funkelnden Sternen oder so was ähnliches. Also man ist da durchaus lernfähig.

Die nächste Enttäuschung folgte damals für mich, wie bereits angedeutet, in der Kirche. Ich bin Weissgott keine fleißige Kirchgängerin, aber in der Ferne sucht man das Rituelle und da suchte ich also am 24. Dezember (Heiligabend wohlgemerkt) eine Messe. Vergeblich. Die früheste war die Christmette. Schon bald wurde mir klar, weshalb: Bis 21 Uhr sind hier am Heiligen Abend die Geschäfte geöffnet und rammelvoll. Einkaufswägen bis in die hinteren Regale stehen an den 10-15 Kassen Schlange, aus dem Lautsprecher randaliert bezeichnenderweise Technomusik, schreiende Kinder betteln um Spielzeug und gestresste Mütter verlieren die Geduld während die Väter technische Neuheiten bestaunen! Das ist hier in Süditalien der Heiligabend!

Daraufhin habe ich meinen Kirchgang auf den 25. Dezember verlegt. Was in Deutschland als 1. Feiertag bekannt ist, ist hier „Natale“, also Weihnachten! Aaaahhh! Mir ging ein Licht auf. Weihnachten beginnt also erst am 1. Weihnachtsfeiertag. Auch gut. Aber der Kirchgang wurde weiterhin eine große Enttäuschung. Die Messe war kein Hochamt. Alles normal. Nichts geschmückt, kein Weihnachtsbaum, keine „Friede den Menschen auf Erden-Predigt“. Business as usual! (Lesen Sie mein Osterkapitel in einigen Monaten, um zu wissen, WANN hier in einer Kirche richtig gefeiert wird...). Jahre später hatte ich den Bogen dann raus: Wir gingen in eine besondere Kirche nach Alezio (die Kirche ist eine Wallfahrtskirche und heißt „Madonna della Lizza“). Dort hab’ ich sie dann gefunden, die Weihnachtsstimmung während der Christmette. Auch wenn der Weihnachtsbaum gefehlt hat, so gab es doch die so verzweifelt gesuchte Weihnachtsatmosphäre. Die Leute gaben sich die Hände und küssten sich und wünschten sich „Buon Natale“, die Kirche war voll, der Pfarrer milde gestimmt, auch wenn er wahrscheinlich wettern wollte, dass sich die Kirche nur am Heiligenabend zur Christmette füllt….Sogar das Weihnachtslied „tu scendi dalle stelle“ „du steigst von den Sternen herunter“ wird am Schluss des Hochamts gesungen. Viel mehr Weihnachtslieder haben die Italiener auch gar nicht. Ebengenanntes ist überall in Italien bekannt und wird den Kindern bereits im Kindergarten beigebracht. Weitere sind vor allem Regional bekannt und werden leider kaum noch gesungen. Wenn aber, dann kommt der eigentlich gar unbekannte Dudelsack aus den Abruzzen zum Einsatz. Diese Dudelsackgruppen haben in der Vor- und Weihnachtszeit Hochsaison und man sieht sie in Mailand, Rom, Torin und überall, wo es auf Straßen und Plätzen weihnachtliche Veranstaltungen gibt. Die eher schwermütigen Melodien erinnern eher an den einstmals so schweren Stand der Hirten in den Abruzzeser Bergen, als an Weihnachten.

In Ermangelung so vieler Weihnachtslieder, wie die Mitteleuropäer sie haben, gibt es im Salento in den letzten Jahren einen regelrechten Gospel-Chor-Boom. Viele, die gerne und viel und vor allem gut singen, gehen vor allem vor Weihnachten und um die Weihnachtszeit auf Tournee im näheren Umfeld und beglücken Kirchen und Gemeinden außerhalb der Messe (vor allem abends) mit fantastischen Weihnachtskonzerten. Auch das ist relativ neu und wird hier sehr gut angenommen. Ein salentinischer Gospel-Chor, der Coro Gospel „Black on White“ von Tyna Casalini, die übrigens erst so um die 30 ist, war sogar vor 2 Jahren zum Weihnachtskonzert des Vatikans eingeladen (findet am 08.12. statt und wird hier in Italien oft am darauffolgenden Wochenende vom italienischen Fernsehen übertragen).

Sie werden sich fragen, was Süditalien denn überhaupt an traditionellem Weihnachtsbräuchen zu bieten hat. Nun, die Italiener im Allgemeinen und die Süditaliener im Besonderen sind ganz wild auf Krippen. Sie dürfen sich dabei jetzt nicht die übliche deutsche Krippe mit Maria und Josef und dem Jesuskind mit Ochs und Esel und vielleicht, wenn’s hoch kommt noch ein paar Hirten vorstellen. Nein, nein, nein, die Italiener verstehen unter Krippe – Presepe etwas gaaaaanz anderes. Ihre Hauskrippe bekommt einen besonderen Platz. Viel Platz, denn den braucht sie. Die italienische Krippe ist nämlich ein kleines, wenn der Platz es zulässt, sogar ein größeres Dorf zu Jesu Zeiten in Miniatur. Man stelle sich das ganz ähnlich wie eine deutsche Spielzeugeisenbahnlandschaft vor: Auf Hügeln sieht man Hütten und Häuser, davor die Handwerker bei der Arbeit, den Schreiner, den Schmied, den Fassbauer, den Schuhmacher usw. Ein kleiner Bach (oft echt!) fließt durch’s Dorf, ich habe auch schon mitten in einem Wohnzimmer (erinnern Sie sich an meine November-Ausführungen – hier noch ein Wohnzimmer-Verwendungszweck, da Platz vorhanden) einen kleinen Wasserfall gesehen.

Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben sich die Anhänger des Weihnachtsbaums und die der Krippe oft angefeindet, denn die Krippe-Anhänger halten sich (in dem Fall muss ich sagen, sie haben recht) für die Hüter der italienischen Traditionen. Die Wiege der Krippenbauer steht übrigens in Neapel. Dort wird in der Via San Gregorio Armeno alljährlich ab November auf der Strasse und das ganze Jahr hindurch in den Läden Krippenfiguren verkauft. Alle echt neapolitanischen Figuren werden aus Ton hergestellt, noch wertigere aus Holz. Und das Highlight ist jedes Jahr, zu erraten, welcher Zeitgenosse denn dieses Mal Einzug gehalten hat in die Riege der berühmten VIP-Krippenfiguren. Dieses Jahr, soviel wurde im italienischen Fernsehen schon verraten, ist es natürlich der neue amerikanische Präsident! Im Salento kann man alle Krippenfiguren aus Olivenholz oder aus Plastik (made in China) kaufen – das bleibt ihrem Gusto und ihrem Portemonnaie anheimgestellt. Wenn man aber von einer echten salentinischen Krippenfigur sprechen möchte, sollte es eigentlich eine aus Pappmaché sein. Denn Pappmaché-Künstler gibt es vor allem in Lecce mehr als genug. Davon will ich Ihnen aber in meinem Aprilkapitel mehr erzählen…Und als Krippenfiguren versteht man hier nicht nur Hirten, Engel und die Heilige Familie. Die häusliche Krippe, eine Art Puppenhaus oder Modelleisenbahnlandschaft, wie Sie wollen, kommt auf ihre Ausdehnung an, bekommt einen Bäcker, einen Metzger, einen Töpfer usw. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Den Figuren übrigens auch nicht. Mit der Arbeit für „il presepe“ wird schon am 08.12. begonnen. Das ist, wie der gute Katholik weiß, Maria Unbefleckte Empfängnis und hier ein Feiertag. „Gesù Bambino“ aber wird erst in der Heiligen Nacht in die Krippe gelegt. Das macht in der Familie auch immer der oder die Kleinste und ist in Italien fast so wichtig wie bei in Deutschland das Weihnachtsbaum anzünden und wird von begeistertem Klatschen ob der erbrachten Leistung begleitet.

Maria Unbefleckte Empfängnis ist sozusagen der Startschuss für die Weihnachtsvorbereitungen. Aus der Liturgie kennt man den Advent als solches schon, aber traditionell gibt es hier den Adventskranz, die Kerzen, die nach und nach angezündet werden, nicht. In den letzten Jahren sehe ich ihn aber als Schmuckgesteck bei innovativen Gärtnereien und Blumenläden, die ihn wunderschön dekorieren und der dazu gedacht ist, ihn sich vor die Haustür zu hängen. Dank Lidl, Penny Markt und anderen Discountern, die ebenfalls viel Ware aus Deutschland beziehen, gibt es seit ein paar Jahren auch Adventskalender (von den unzähligen deutschen Weihnachtsleckereien schweige ich besser, da würde ich schon beim Schreiben zunehmen, aber auch die gibt es hier seit einigen Jahren – die ganze Palette!). Ich bringe meinen Erstlingen in der Schule jedes Jahr einen Adventskalender mit, die Begeisterung ist groß und man kann davon ausgehen, dass mindestens die Hälfte der Klasse sich daraufhin auch einen für Zuhause kauft. Mit ihnen singe ich auch Weihnachtslieder bis zum Abwinken, solange sie jünger sind, singen sie auch noch alle mit, danach verliert sich, entwicklungsgemäß das Interesse für alles Kollektive, das von Erwachsenen eingeführt wird. Das ist überall dasselbe. Aber kürzlich hatte ich ein Erfolgserlebnis, ich habe mit einer ehemaligen Schülerin telefoniert, die inzwischen in Südtirol unterrichtet und die mir erzählte, dass sie die ganzen Fotokopien mit den Liedern herausgekramt und mit ihren Kids an der Schule dort singen will und ob ich noch mehr hätte….Ach ist das schön!

Nun, wie gesagt, an der „Immacolata“ wird der Weihnachtsbaum zuhause aufgestellt, man schmückt den Baum im Vorgarten mit Lichtern, man kauft Zusatzmaterial zur Erweiterung der Hauskrippe, es gibt sogar jährlich Wettbewerbe für die schönste Krippe. Einmal sah ich eine Ausstellung, in der alle Geschäftsleute aus Taviano (meine Adoptiv-Gemeinde) eine Krippe gebastelt und ausgestellt hatten. Es sollte eine Benefiz-Ausstellung werden. Der Bäcker buk also eine Krippe, der Kurzwarenhändler bastelte eine aus Knöpfen, aber ein wahres Wunderwerk war die Krippe des Friseurs, die aus Haarnadeln unglaublich kunstvoll gefertigt war.Weihnachten ist nah. Der Weihnachtsbaum wird auch nicht, wie bei uns, erst kurz vor Heiligabend, sondern just an der „Immacolata“ geschmückt und ab da auch abendlich angeschlossen (ich sage bewusst nicht „angezündet“ – Sie wissen inzwischen, warum!).

Der vorweihnachtliche Einkaufswahnsinn ist, glaube ich, inzwischen überall auf der Welt, selbst da, wo die christliche Religion eigentlich nicht das tägliche Leben bestimmt, derselbe. So auch hier in Süditalien. Verkaufsoffene Sonntage (mindestens 4 vor Weihnachten), gestresste Verkäufer und Verkäuferinnen, schreiende Kinder, die leider überallhin mitmüssen… Sie kennen das. Früher, traditionsgemäß, so erzählte mir vor vielen Jahren mein Vater, gab es zu Weihnachten eigentlich gar keine Geschenke. Das kam erst allmählich in den 60ger Jahren mit den Amis. Er konnte sich noch erinnern, dass ihm die „Befana“, die gute Fee, die am 06. Januar in Italien ihren Feiertag hat, die Geschenke brachte. War man lieb gewesen, gab es Zuckerzeug, ansonsten Kohle und einen Reisigbesen zum Versohlen. Merken Sie was? Genau! Die Befana ist die Frau des mitteleuropäischen Nikolaus! Sie kommt in Italien genau einen Monat nach ihrem Mann und beglückt die italienischen Kinder. Jetzt erklärt sich langsam vieles, nicht? Wenn es Weihnachten gar keine Geschenke gab, dann brauchte man sich auch nicht allzu sehr darauf zu freuen ( minus Adventskalender).Wenn es Weihnachten gar keine Geschenke gab, brauchte man auch keinen Baum aufzustellen, um sie darunter zu legen (minus Weihnachtsbaum, schon des Klimas wegen)!

Meine Tätigkeit als Stadtführerin hat mich auch darüber aufgeklärt, warum in Italien traditionsgemäß die Krippen in Häuser und Kirchen ihren Einzug hielten: Diese Tradition stammt vom Heiligen Franz von Assisi. Das ist der als Bettelmönch Abgebildete in brauner Kutte, oft von einem Wolf und von Vögeln umgeben. Er, der sich der Armut verschrieben hat, predigte, dass die Armut ein Zeichen Jesu sei. Um immer daran zu erinnern, sollen die Kirchen jährlich die Krippe, die Abbildung der ärmlichen Geburt Jesu, darstellen. Viele, sehr viele Kirchen, die dem Heiligen Franz von Assisi gewidmet sind, haben sogar permanente Krippen, die das ganze Jahr über in der Kirche ausgestellt und Teil von ihr sind.

Apropos Krippen: Das absolute jährliche Highlight hier im Salento ist aber die Tradition der „lebenden Krippe“, dem „presepe vivente“. Darunter können Sie sich nichts vorstellen? Ich will Sie mitnehmen, kommen Sie mit mir „Krippenlaufen“:

Ab dem 25. Dezember, wenn man in Deutschland schon fast wieder daran denkt, wann man alles Weihnachtszeugs wieder wegpacken kann, verschreiben sich die Salentiner für 2 Wochen während der Feiertage und Samstags und Sonntags entweder aktiv oder passiv dem „presepe vivente“. Kulisse ist entweder die Altstadt eines Dorfes oder eines auch größeren Ortes, in den letzten Jahren auch immer häufiger eine alte „Masseria“, also ein alter, oft nicht bewohnter Gutshof. Die „location“ wird umgewandelt in eine mittelalterliche Stadt. Die Bewohner, die an den Öffnungstagen während der 2 Wochen abends von 18 – 23 Uhr circa in die Gewänder ihrer Vorfahren schlüpfen, richten „ihre“ Bottega, also ihren Laden oder ihre Werkstatt liebevoll mittelalterlich her. Es werden alte, sehr alte Werkzeuge, Handarbeitsutensilien, Kochutensilien hervorgeholt und auf Hochglanz poliert. Dann wird all das alte Zeug für 2 Wochen wieder seinem ursprünglichen Gebrauchszweck zugeführt. Wichtig ist, dass alles schön alt aussieht, aber voll funktionstüchtig ist. Alte Webstühle, Spinnräder, sowie altes Zimmermannswerkzeug und Schmiedewerkzeuge werden während der Abendstunden dieser 2 Weihnachtswochen wieder benutzt. Es werden Kerzen aus Bienenwachs vor dem staunenden Publikum gefertigt, Öllämpchen geputzt und angezündet, es werden heiße Pittule (siehe November) mit allem möglichen darin ausgebacken und den frierenden (das ist natürlich meistens gespielt…) Besuchern gegen wenig Geld gereicht. Man kann dort Holzkohleofenbrot kaufen, auch die beliebten „Pucce“, Weißbrotbrötchen mit ganzen Oliven darin (müssen Sie unbedingt probieren, wenn Sie hier sind. Bitte auf die Olivenkerne achten, die werden in den "echten" Pucce nämlich drin gelassen). Es gibt auch „vino speziato“, die italienische Variante des Glühweins, der weniger süß ist, dafür um so gewürzter. Nicht ganz billig aber garantiert NICHT „made in China“ sind handgeklöppelte oder gewebte Tischdeckchen, bestickte Aussteuerware usw. Die Schauspieler schlüpfen nicht nur in ihre Rolle, nein sie kostümieren sich auch so. Man läuft durch eine Art geführtem Parcours durch’s Mittelalter. Die gesamte Kulisse ist wunderschön beleuchtet und das Ganze sieht absolut pittoresk aus und begeistert mich jedes Jahr auf’s Neue. Schon deshalb, weil wir uns jedes Jahr einen anderen Ort ansehen. Am Beginn des Parcours werden einige Euro Eintritt erhoben (auch nicht überall – kommt auf die Beteiligung der Gemeinde an) und dann geht’s los. Letztes Jahr standen wir 1 ½ Stunden an, um in den „presepe vivente“ der Stadt Tricase auf der adriatischen Seite des Salento zu kommen. Die Show war aber auch gigantisch. Man wurde begrüßt mit Kunstschnee, der, ich geb’s zu, nicht jedermanns Sache ist, der aber auf den Olivenbäumen am Hügel, der als Kulisse diente, sagenhaft aussah. Die Background-Musik dudelt vorwiegend auf Deutsch (O Tannenbaum, Oh du fröhliche, Stille Nacht, Kling Glöcken, Schneeflöckchen, Weiße Weihnacht usw.), sie klingt im Random-Verfahren die ganze Zeit durch die Nacht und verzückte alle Besucher, die sich so richtig „nach Weihnachten“ versetzt fühlen. Von unten am Hügel arbeiteten wir uns nach oben. Es gab mehrere Esel, die Wasser aus einem echten Brunnen förderten, das wiederum das Mühlrad antrieb, das ein kleines Windrad bewegte. Drumherum gemächliche Geschäftigkeit eines hiesigen Dorfes im Mittelalter in Kostümen. Es gab die Restaurations-Gasse in der Spezialitäten von Tricase aus alten Rezepten stammend, frisch zubereitet, angeboten wurden, es gab einen Schmied, der ununterbrochen Stücke schmiedete, die später (weiter hinten in der Hütte und vor aller Augen verborgen) zusammengeschweißt als Kunstschmiedestück verkauft wurden. Immer wieder kleine Weiden mit Kühen und vor allem Ziegen und Schafen, dazu eine Mini-Molkerei und frische Ziegen-Ricotta usw usw. Jetzt fragen Sie sich: Ok, nette Sache, aber was hat das mit „Krippe“ und „Weihnachten“ zu tun? Warten Sie’s ab, der Clou kommt erst noch.

Jeder Parcours in jeder Stadt oder Masseria oder wo immer er auch ist, hat einen Höhepunkt: „La Natalità“. Das, was man in Mitteleuropa eigentlich unter einer Krippe versteht: Einen alten Stall oder auch eine Grotte (einmal sogar in einer unterirdischen Ölmühle), in dem finden wir vor, was die Hirten vor über 2000 Jahren auf dem Feld von Bethlehem sahen: Das Christuskind, in einer Krippe liegend, umgeben von der Liebe seiner Mutter Maria und seines Vaters Josef. Der Stall wird gewärmt von einem Ochsen und einem Esel. Genauso und nicht anders finden Sie „la Natalità“. Es gibt in einer Ecke einen Ochsen und einen Esel, die blau gekleidete Maria sitzt auf einem Schemel und Josef steht meistens und stützt sich auf einen langen Stock. Zwischen Ihnen, in einer Futterkrippe, warm eingemummelt, liegt das Christuskind. Echt! Alles 100%ig echt! Auch das Baby!

Letztes Jahr war es an dem Abend, an dem wir der Heiligen Familie unseren Besuch abstatteten, besonders kalt und wir sahen, dass man den Kleinen in eine Heizdecke gewickelt hatte und das Kabel unter dem ausgelegten Stroh nach hinten gelegt und angeschlossen hatte.

Ab und zu kommt der Besucherstrom auch vollkommen zum Stehen und nichts geht mehr. Das ist dann, wenn die „Natalità“ kurz geschlossen wird, damit das Christuskind gewickelt und gestillt werden kann. In der Masseria, die wir vor 2 Jahren besucht haben, wurde die „Natalità“ nicht geschlossen, sondern das Christuskind war kurz mal abwesend. Ein Schild an der Futterkrippe besagte „Gesù viene cambiato“ (Jesus wird gerade gewickelt). Vor mehreren Jahren sahen wir gerade dem Vertauschen der Jesusse zu: Das echte Baby wurde weggebracht und eine Puppe an seinerstatt in die Krippe gelegt, mit dem Hinweis „Gesù fa la sua poppata“ – frei übersetzt mit „der echte Jesus ist gerade an der Milchbar“. Da sag’ noch einer, die Italiener verstünden es nicht, Weihnachten zu feiern….

Zugegeben, nicht so wie die Mitteleuropäer. Aber es wäre ja auch furchtbar langweilig, wenn’s überall gleich wäre, nicht?

Ich kann mich noch an Weihnachten 2006 erinnern, damals sahen wir zufällig ein übergroßes Plakat am Brückenpfeiler kleben: „Presepe vivente a Neviano“. Ha! Dort waren wir noch nie gewesen. Also am 26. Dezember auf nach Neviano. Die übliche Schlange vor dem Eingang, aber danach nie Gesehenes: Die gesamte Altstadt des Dorfes verwandelt in Jerusalem! Es gab die Färbergasse, in der wirklich gefärbt wurde, die Tempelanlage mit den Pharisäern und Händlern, der der Statthalter von Jerusalem, der in seinem Palast samt seines Harems herumlag, ein römisches Legionärslager usw. Und während in der Stadt das Leben tobte, wurde in der Höhle unter der Stadt allabendlich das Jesuskind geboren und in die Krippe gelegt.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und auch Weihnachten ist man, wie jedes Jahr, nach einer Woche ziemlich überdrüssig. Allerdings lässt man sich il „Cenone di Capodanno“ nicht entgehen. Mit Cenone ist das Mega-Sylvester-Abendessen gemeint (das Suffix „-one“ macht im Italienischen aus etwas mit normalen Dimensionen etwas Gigantisches – „Bambinone“ – ein großes Kind, „macchinona“ – ein großes Auto usw.) und hier trifft „Mega“ durchaus zu : Das Sylvester-Menü übersteigt selbst noch ein Hochzeitsbankett oder kann zumindest locker mithalten. Wenn Sie meinen, es würde um 19Uhr fürstlich gespeist und ab 22 Uhr ins Neue Jahr getanzt, so muss ich Sie leider enttäuschen. Die Salentiner essen entweder oder sie tanzen. Beides kurz hintereinander geht gar nicht. Meistens ist auch für ein lustiges Unterhaltungsprogramm gesorgt, etwa wie in Deutschland beim Karneval, Sänger singen ohne Rücksicht auf Verluste bis ins Neue Jahr, aber Tanzen….nein. Habe ich zumindest noch nicht gesehen. Für dieses gesellschaftliche Ereignis in den zahlreichen sehr großen Restaurants am Platze muss man oft auch tief in die Tasche greifen. Die Damen sowieso, denn ohne vorherige neue Rundum-Ausstattung von der Unterwäsche bis zum kleinen Schwarzen, knapp aber teuer, über Friseurbesuch mit Schminkservice geht Frau nicht aus dem Haus. Zum Friseur kann man hier auch noch um 21 Uhr gehen, wenn man frühzeitig gebucht hat. Alle Friseure arbeiten an Sylvester sehr lange. Man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen. Apropos Unterwäsche: Glauben Sie nicht, ich hätte das nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Nein, die Unterwäsche, ach, ich sage doch besser Dessous, das wirkt anrüchiger, die man an Sylvester zum Rutsch vom alten ins neue Jahr trägt, muss auf jeden Fall rot sein. Das bringt Glück. Wenn Sie mich fragen, nur so eine Erfindung der Dessous-Industrie, denn keiner weiß, woher das eigentlich kommt. Aber es funktioniert. Zu Weihnachten bekommt die Jugend von den jeweiligen momentanen Partnern auf alle Fälle rote Reizwäsche geschenkt. Sowohl Männlein, als auch Weiblein, wohlgemerkt.

Zum Cenone geht man möglichst mit vielen Freunden, vorbestellen ist absolut notwendig, Kurzentschlossene haben immer schlechte Karten. Und wer nicht zu einem Cenone geht, der kann gegen 23 Uhr noch hinaus in die Kälte (ca. 10Grad, aber es war auch schon kälter…) auf die Piazza der Stadt. In den meisten größeren Städten steppt der Bär trotz polarer Temperaturen draußen. Lokale Pizzica-Gruppen mit Lokalmatadoren, die für gute Stimmung sorgen bringen Piazze und Strassen zum Kochen. Die Italiener lassen sich auch jedes Jahr ihr Feuerwerk einiges kosten. Da kann man noch so sehr von Krise sprechen, etwas geht immer: „I fuochi“. Wie Sie als Mitteleuropäer das kennen, werden die Feuerwerkskörper ganz legal kurz nach Weihnachten in den Fachgeschäften und ausgewiesenen Supermärkten verkauft. Der Absatz ist, zumindest hier im Süden, auf den offiziellen Beschaffungspfaden jedoch schleppend. Viel besser laufen die „abusivi“ – die, die ohne Lizenz das Knallerzeug verkaufen. Jährlich ab Oktober haben die „Finanzieri“ – die italienische Finanzpolizei - Lokaltermin bei den vielen illegalen Feuerwerksbauern. Besonders verwerflich an der illegalen Produktion ist, dass sie heimlich in Tiefgaragen und Wohnungen getätigt wird. In der Vergangenheit sind nicht selten ganze Wohnblöcke in die Luft geflogen und man wusste erst hinterher, weshalb. Einer der Bewohner fabrizierte illegal Feuerwerkskörper. Seit einigen Jahren ist der Boom der „abusivi“-Produzenten aber vorbei. Die chinesischen Feuerwerke drängen auf den heimischen Markt. Und mit den „Cinesi“ kann man ja, wie Sie wissen, nicht konkurrieren. Da aber auch die meisten Feuerwerksprodukte chinesischer Herkunft kein italienisches Gütezeichen aufweisen können beschlagnahmen die Finanzieri meistens ab Oktober/November unglaubliche Mengen, Tonnen und Aber-Tonnen von diesem Teufelszeug. Trotzdem gibt es in Italien noch Leute, die sich ohne Knallerei nicht einfach so freuen können. Jährlich verlieren mehrere Menschen, darunter auch immer Kinder, Augen, Finger, ja ganze Hände in der Sylvesternacht. Vor 2 Jahren, wenn ich mich recht erinnere, hat eine Kugel, die von irgendwoher von der Straße kam, einen Familienvater, der gerade mit Familie und Freunden zu Tisch im 2. Stock saß und den Korken knallen lassen wollte, von hinten mit einem glatten Nackenschuß getötet. Die Finanzieri tun im Vorfeld wirklich, was sie können, aber gegen solche Idiotie ist natürlich niemand gefeit.

Die restlichen Salentiner treffen sich meistens „al mare“ – nein, nicht was Sie denken, kein Baden ins Neue Jahr (lesen Sie dazu mal meine Sommerkapitel "die Italiener und das Meer"). Damit ist das Haus am Meer von irgendeinem Freund oder Verwandten gemeint. Das ist meistens geräumig genug, um die Hausparty zu beherbergen. Es wird gegessen (na klar), Tombola oder Karten oder andere lustige Gesellschaftsspiele gespielt, der Fernseher grölt nebenher und zu Mitternacht werden nach einem gebrüllten Countdown Sektkorken (auch hier ein Sinneswandel, immer öfter ist er secco oder sogar prosecco, pappiges Sprudelwasser ist out oder mindestens fährt man zweischienig!) und Knaller oder auch wertigeres Feuerwerk abgeschossen….Danach geht’s, je nach Alter und Unternehmungsgeist (oder ob man den ganzen Tag gearbeitet hat oder nicht) in die Discotheken, die ihre Pforten am Ersten des Neuen Jahres gegen 0.30 Uhr öffnen und in denen man bis in den frühen Morgen abtanzen kann.

Zum Mittagessen des ersten Tags im Jahr gibt es übrigens traditionsgemäß „lenticchie“ (sprechen Sie mir laut nach…LENTIKKIE – Sie erinnern sich an das Novemberkapitel – CCH = K), also Linsen, denn das verspricht Geld im Neuen Jahr.

Wenn Sie nun erwarten, dass ich Ihnen über den Panettone erzähle (sehen Sie, da haben wir das „one“ wieder – also „großes Brot“), dann muss ich Sie enttäuschen. Selbstverständlich sind die Supermercati hier voll von den pyramidenförmigen süßen Kuchen, aber die kommen aus Mailand. Mit der hiesigen Tradition hat der Panettone ungefähr soviel zu tun wie Sauerkraut! Aber gut, ich will mal nicht so sein. Ich verrate Ihnen, was mir meine Freundin Cinzia, eine mailändische Immigrantin verraten hat: Wenn Sie Ihre Freunde oder Familie in Deutschland dieses Jahr mal mit einem Panettone beglücken wollen, dann müssen Sie den Ritus aber schon ganz gewandt zelebrieren:

Also: Ungefähr 20 Minuten vor dem geplanten Verzehr stellt man den Panettone auf den Heizkörper (muss natürlich heiß sein!) Nach 20 Minuten kann man davon ausgehen, dass die enthaltene Butter (mein Gott, eine Cholesterinbombe, ja!) zerlaufen ist und der Panettone „Fäden zieht“. Dann erst öffnet man den Panettone vorsichtig, die Cellofanhülle MUSS intakt bleiben. Dann öffnet man das Tütchen mit dem Puderzucker und schüttet es in die Cellofanhülle mit dem Panettone. Dann schließt man die Cellofanhülle gut mit der Hand und beginnt auf und ab zu schütteln. Der Puderzucker soll sich so überall auf dem Panettone verteilen und – da warm – klebenbleiben. Erst dann aus der Hülle nehmen und aufschneiden! Schon allein das Zelebrieren sichert Ihnen Bewunderung! Und sehen Sie, genau wegen der enthaltenen Butter ist der Panettone auch keine hiesige Spezialität. Hier wird traditionsgemäß alles mit Olivenöl gemacht. Auch gebacken. Das mag Ihnen ungewohnt erscheinen, aber hier ist die Viehhaltung sehr rar gewesen und wenn, dann waren es Ziegen und Schafe, die dem Klima besser gewachsen sind. Panettone ist übrigens auch so ein Sammelbegriff, denn es gibt eigentlich zwei verschiedene Arten dieses Mailänder süßen Kuchens: Den Pandoro (die vorher beschriebene Pyramide, hoch und ohne kandierte Früchte oder Rosinen) und den Panettone (niedriger und gedungen, sieht aus wie ein aknekranker Lederhocker). Er enthält Rosinen und kandierte Früchte. Wenn Sie in Italien sind, können Sie sich die verschiedenen Sortierungen in den Supermärkten mal ansehen: Es gibt Panettone ohne kandierte Früchte mit Rosinen, ohne Rosinen mit kandierten Früchten oder auch statt dieser herkömmlichen Füllung mit Schoko-Soße oder Vanille-Soße oder anderem gefüllt. Letzteres ist aber wirklich kein echter Panettone mehr!

Den Abschluss der jährlichen Weihnachtskermes im Salento wie anderswo in Italien macht also die „Befana“ am 06.Januar. Sie ist alt, hässlich und man darf sie sich vorstellen wie unsere Hexe aus Hänsel und Gretel. In der Tat, sie soll die bösen Kinder ja auch mit dem Besen versohlen…Ihr werden Gedichte aufgesagt und es wird aufgezählt, wie oft man lieb und wie oft man böse gewesen ist. Genau wie bei uns mit dem Nikolaus – oder Knecht Ruprecht. Ausserdem hat eine neue Tradition an Befana Einzug gehalten. Frau bekommt hunderte von SMS (sind von den meisten Handyanbietern über Weihnachten gegen eine Forfait-Gebühr von 6 Euro gratis) in denen ihr, obwohl jung und schön, zu ihrem Namenstag oder Ehrentag gratuliert wird. Oder von den weiblichen Vertretern der italienischen Spezies an ihre Freundinnen, in denen zum jährlichen Besenreiten in der Nacht vom 05. auf den 06. Januar aufgerufen wird usw usw. Apopos SMS: Kein Mensch in Italien schreibt mehr Weihnachtskarten. Ehrlich gesagt, die Italiener waren noch nie „Brieffreunde“. Aber nun….ein Standard-SMS beglückt sogar Kunden und Lieferanten…es ist traurig, aber kurz!

Sie sehen, Süditalien ist wirklich was für Weihnachtsmuffel, denn man muss ja keine lebende Krippe besuchen oder Weihnachten und Sylvester im Kreise einer süditalienischen Familie verbringen. Aber würden Sie DAS verpassen wollen?

Und so wünsche ich Ihnen eine gesegnete Adventszeit, Buon Natale e un Felice Anno Nuovo!

Claudia Litti

Dienstag, 11. November 2008

Position/Coordinates

Hi friends,

today we met Jürgen and Ingrid from Düsseldorf. We had a beautiful day together and Jürgen was so nice to check in his navigator for our extact position. Here it is:

E 18° 2'9''
N 39° 58' 58''

Hope to see you here, soon!

We are going to have St. Martin's dinner at friends....looking forward to drink wine....see my St. Martin's report in German.

Baci
Claudia

Freitag, 31. Oktober 2008

November, Novello-Monat im Salento


November…

A San Martino ogni mosto è vino

Eine Zeit- und Raumreise in 12 Monaten von Claudia Litti


In der Woche des 11. Novembers jeden Jahres kehrt wieder einmal Feierstimmung ein in Süditalien und nicht nur dort. Jetzt werden Sie sagen, na, wann feiern die Italiener denn nicht? Und da haben Sie auch wieder recht. Aber schließen Sie doch mal in Gedanken die Augen und kommen Sie mit nach Italien. Es geht über die alpine Kette vorbei an Industriestädten, bekannten, berühmten und auch berüchtigten Badestränden immer weiter Richtung Süden. Vor uns erstreckt sich der Stiefel, so, als würde man ihn sich anziehen wollen, wobei man gar nicht so falsch liegt. Wer sich so weit nach unten wagt, zieht sich den italienischen Stiefel an. Seine Mentalität ist hier noch nicht verwässert und auf den Tourismus abgestimmt, wenn nix geht, dann geht eben nix, aber was echte Italiener sind, die geben da nicht auf. Die lehnen sich zurück und warten ab, getreu des Mottos: Manche Probleme lösen sich von selbst, man muss nur warten können. Aber das bezieht sich NICHT auf die Geschäftswelt. Die Apulier sind gute und geschickte Geschäftsleute, die dafür bekannt sind, unkonventionelle Lösungen zu suchen, wenn denn auch die logistische Abgeschiedenheit vom Rest Europas das ganze erschwert… und da, praktisch aus der gleißenden Morgensonne entsteht vor unserem geistigen Auge Apulien. Der Stiefelabsatz. Und weiter geht’s Richtung Süden, denn das Land, in das ich Sie führen möchte heißt Salento, Finibus Terrae, mit anderen Worten, da geht’s nicht mehr weiter.

Früher, ja früher hat man sich hier schon Tage vorher hinter den Herd gestellt und alle möglichen Köstlichkeiten zubereitet. Heute hat man dafür die Nonna, alle anderen sind geschäftig und außer Haus. Heute wird vieles – ja, auch hier – seufz – bestellt und fertig gekauft, keiner hat mehr so viel Zeit wie früher. Nur um den Ehrengast, um den es am 11.11. geht, um den kümmert sich der Hausherr persönlich. Schon allein deshalb, weil die schweren Tamigiane, die dunkelgrünen, bauchigen, furchtbar schweren Korbflaschen kaum zu bewegen, geschweige denn, umzufüllen sind.

Der Ehrengast ist der neue Wein, der Novello. Er wird im August gelesen und bis November gekeltert. Die ganze Sache ist höchst kompliziert, furchtbar zeit- und kraftaufwendig. Wenn Sie denken, der Wein steht nur rum und reift, dann haben Sie sich gründlich getäuscht. Ritusartiges, regelmäßiges Umfüllen ist nötig, um den Wein von Rebenrückständen und anderen mysteriösen Traubeninhalten zu reinigen. Alle Unreinheiten bleiben auf dem Flaschenboden zurück. Das Umfüllen darf immer nur bei Tramontana, dem kalten, schneidenden Nordwind, der höchst selten über das von der sengenden Sommersonne verdörrte und versteppte Land pfeift, geschehen. Und so vergeht die meiste Zeit des Herbstes mit Warten auf den Tramontana. Wenn der dann endlich kommt, wird umgefüllt. Ich habe, ehrlich gesagt, nie so richtig verstanden, wie oft das sein muss,
denn man fragt sich ja, wenn nun kein Tramontana den weinseligen Bauern beglückt, was dann?

Na jedenfalls, in den Garagen der kleinen Gemeinden des Salento stinkt’s im September und Oktober nach Most und das nicht schlecht. Wenn die Garagentüren sich öffnen, um die kleinen Ape auszuspucken, die Sie alle kennen, genau, die knatternden, stinkenden, dreirädrigen, fahrerüberdachten Vintage-Pickups, dann kommt einem so eine atemberaubende Mostblume entgegen, die die versoffenste Hafenkneipe vor Neid erblassen ließe. Und, um es gleich vorweg zu nehmen meine Damen und Herren, dieses etwas günstige Bouquet wird der Selbstgekelterte auch nicht wieder los. Trotzdem ist er, der gehütete, gehätschelte, vor Scirocco-Winden abgeschirmte, sorgsam bewachte Rosso Marke „Eigenbau“ der absolute Star des heutigen Abends.

Ich muss Ihnen noch einige Illusionen nehmen, was den Abend betrifft. San Martino wird hier sehr zünftig gefeiert, selbst in eleganteren Etablissements überwiegt das Ursprüngliche. Geistreiche Gespräche sind zwar nicht unangebracht, gehen aber häufig in der Albernheit des heutigen Abends unter. Italiener philosophieren sehr gerne, aber am Liebsten, wenn der Fernseher die 20 geladenen Gäste zu übertönen versucht, die Teller und Schüsseln scheppern und die Trinksprüche sich die Hand geben.

Glauben Sie also nicht, Sie wären heute der Ehrengast. Wenn alles sitzt, wird ER eingeschenkt, er riecht schon nach Kopfweh und da enttäuscht er die Erwartungen keinesfalls. Das Mahl beginnt mit köstlichen Pittule, in Fett ausgebackenem Teig mit Brokkoliröschen im Inneren, oder Blumenkohl, oder mit Speck oder Zwiebeln.. deftig eben – ich glaube, ich sagte es schon. Und da ist er auch schon: Der erste Trinkspruch. Er ist nicht witziger als die restlichen 19 des heutigen Abends, die noch folgen werden, aber er ist ja der erste Trinkanlass. Und?
Naja, wer jetzt Barrique-Wein erwartet, kann gleich aufhören, Wein zu trinken. Dieser Hauswein erhebt keinerlei Ansprüche auf besondere, extravaganten Finessen wie Bouquet (ich sagte es auch schon), Vor- und Retrogusto. Er ist, wie die Leute dieses Landes: Geradeheraus. Und morgen mit Kopfschmerzen, sprich: gekippt. Man lobt den Wein über alle Maßen, man darf schließlich nicht vergessen, wie viel Mühe dahinter steckt. Gästen, wie Sie es sind, ist am Schluss des Abends, - nein, freuen Sie sich nicht zu früh, wir sind gerade einmal bei der Vorspeise – eine Glas-Tamigiana von 5lt (Standard-Haus-Konfektion) sicher. Ich habe bestimmt bis an mein Lebensende exzellenten Weinessig bei mir rum stehen, und kann in einem Monat die Pilze damit planchieren. Zwar färbe ich sie damit etwas rötlich, aber wen stört das beim Erstaunen über meine hausfraulichen Fähigkeiten (die Pilze schmecken nämlich ganz hervorragend, wenn ich das mal so bescheiden anmerken darf).

Nun, San Martino – pardon – Sankt Martin beschert uns in Deutschland die Martinsgans, dieses verräterische kleine Federvieh, dessen Nachfahren noch heute dafür büßen müssen, dass es seinem instinktiven Schreckgeschrei nachgegeben und Martins Versteck verraten hat. Die Italiener wissen nicht viel über die Kinder-Geschichte von Sankt Martin, aber für sie ist er der Hüter der Weinkiste. A San Martino ogni Mosto è vino – An Sankt Martin ist jeder Most Wein. Da haben wir’s: Bestätigt sich doch wieder mal das alte Klischée von den Italienern, die für alles einen Heiligen brauchen, sonst geht nichts.

Inzwischen ist der Lärmpegel in der kleineren oder, wenn Sie Glück haben, größeren Wohnküche auf das Level eines Presslufthammers in einer Saturday-Night-Disco gestiegen. Und Ihnen ist, als „grüner“ Deutscher, hell entsetzt aufgefallen, dass alles auf dem Tisch aus Plastik ist. Sie fühlen nochmals nach, denn Sie können es nicht glauben. Ja. Während Sie in Deutschland seit Jahrzehnten Generation um Generation mit Umweltschutz impfen, bevor sie auch nur laufen kann, wird Ihnen hier ein Festmahl, und darum handelt es sich schließlich, in feinstem, oft noch buntem, Meissner Plastik aufgetischt. Das Gläserklingen zum Anstoßen wird sowieso vom Gejohle übertönt, warum also Gläser? Als Deutscher hat man im Geschirrschrank das Geschirr und die Gläser für täglich und dann noch eine kleine Auswahl des besseren Geschirrs und schönerer, womöglich kristallener Gläser im Glasschrank im Wohnzimmer. Für besondere Anlässe. Wie dieser heute…Naja, kein Mensch, außer einem organisierten Partyservice hat Geschirr und Gläser für 20 Leute. Aber man hätte doch der Umwelt zuliebe wenigstens das Alltagsgeschirr….Ihr Zweifel bleibt im Raum stehen – oder geht im Lärm unter – wie Sie wollen. Spätestens beim Abräumen verstehen Sie die Welt nicht mehr. Und das liegt nicht an Ihrem übermässigen Weinkonsum: Jemand wird mit der Plastik(schon wieder)-Tüte anrücken und alles lieblos, ohne Rücksicht auf Verluste dort hinein pfeffern. Und schwupp, schon wird der Tisch plastikfrei sein. Ob ich nun dafür eine plausible, entschuldigende Erklärung habe? Eigentlich nicht. Ich find’s genauso schlimm wie Sie. Aber Plastikgeschirr ist hier spottbillig. Wenn also, was in Deutschland bereits in grauer Vorzeit passiert, kein politischer Wille da ist, dann seh’ ich auch in nächster Zeit keinen, außer dem plastikgepflasterten Weg in die italienisch-hausgemachte Umweltkatastrophe. Ach doch! Kürzlich, auf dem Weg zur Arbeit, hörte ich in meinem italienischen Lieblingsradio, dass Ende 2009 auch das Ende der Plastiktüten im Supermarkt für 3-4 Cent sein wird. Dann sollen sie genauso viel kosten, wie im restlichen Europa, soviel nämlich, dass es weh tut. Nun, pazienza. Irgendwo muss man ja anfangen mit dem Umweltschutz, nicht?

Noch so eine traumatisierende Erfahrung ist es, in einem süditalienischen Supermarkt mit einem Korb oder einem Einkaufsnetz zur Kasse zu gehen. Die Kassiererin fragt nicht mal danach, ob Sie eine Tüte brauchen. Ein kurzer fachmännischer – nein fachfrauischer Blick auf das Einkaufsvolumen und schon sind 2-5 Plastiktüten zum günstigen Großpackungspreis von 3 Cent über den Kassenscanner und in Ihren Kassenzettel geflattert. Letztens hat mich eine Kassierin ganz böse angesehen, als ich ihr sagte, ich brauchte keine Tüten, ich hätte die große Kiste im Auto: „Die Tüten können Sie doch auch für den Müll verwenden. Muss ich jetzt wirklich noch mal stornobuchen?“ Mir fehlten die Worte, nicht die Plastiktüten…

Kehren wir zurück zu San Martino. Sie wundern sich, warum in der Küche gegessen wird? Nun, das Wohnzimmer ist nicht zum Wohnen da. Der „Salotto“ wird noch nicht einmal Ihnen zuliebe geöffnet. Die Häuser, in denen ich das „Wohnzimmer“ sehen durfte, waren für Kondolenzbesuche geöffnet. Der oder die Tote lag aufgebahrt im ausgeräumten Wohnzimmer und man konnte ihm dort die letzte Ehre erweisen. Das finden Sie makaber? Wissen Sie, am Anfang konnte ich dem auch nichts abgewinnen, dass der Tote im Haus der Lebenden aufgebahrt wird, dass dort von ihm Abschied genommen wird, und dass er noch einmal im Kreis seiner Lieben die letzte Nacht vor der langen Nacht, die ihn erwartet, verbringen, fast hätte ich gesagt, verleben, darf. Vergessen Sie die Klageweiber, so was gibt’s seit 30 Jahren nicht mehr. Ich hatte die nettesten, zugegeben, gedämpften Unterhaltungen, mit irgendwelchen Freunden oder Verwandten des Verstorbenen direkt vor seinem offenen Sarg sitzend. Es gibt den Lebenden Zeit und verdammt den Tod als solches nicht auf den Friedhof, sondern hier ist er noch Teil des Lebens. Das ist alles. Ehrlich gesagt, ich hatte deshalb keine Albträume. Dieser Ritus verleiht dem Ganzen etwas von trauriger Selbstverständlichkeit. Schade, dass das auch hier nach und nach verloren geht. Wegen Übertherapie sterben heute auch hier immer mehr, auch alte Menschen im Krankenhaus, kommen dort in die Totenkammer und das war’s.

Oder ich sah das Wohnzimmer, überladen mit Blumen und Gebinden und Gestecken, am Freudentag im Leben der Familie, wenn eine Hochzeit anstand. Dann kommt man zwar auch nicht hinein, aber man darf der Braut Kusshändchen zuwerfen, während diese, von Fotografen belagert, für einen Tag Miss Mondo, Miss Universo und Lady Di in einer Person sein darf. Man sagt, es gäbe keine hässliche Braut. Also ich muss Ihnen sagen, das stimmt. Die italienischen Kosmetikerinnen sind wahre Künstlerinnen, Maskenbildnerinnen (ich will jetzt nicht böse sein, bin schließlich auch nur Mittelklasse gewesen) und verdienen einen Haufen Geld damit, dass sie eventuell aus einem Aschenbrödel eine Prinzessin machen. Lassen Sie mich neidvoll bemerken, dass bei der Haarpracht der Süditalienerinnen, die sich zu ihrem Leidwesen auch auf den gesamten Körper erstreckt (wieder so ‚ne Zickenspitze, pardon), die Friseuse und die Kosmetikerin Hand in Hand arbeiten müssen, um der Lage überall am rassig-südländischen Körper Herr – ehm Frau zu werden. Anyway, die Braut steht im Wohnzimmer, das sich in ein Fotostudio verwandelt hat, und Maaaamma (wird betont mit mindestens 3 a’s, sonst klingt’s nicht italienisch genug) rennt aufgeregt hin und her, zupft hier am Kleid, dort an der Schleppe, haben Sie eine Vorstellung davon, wie viel diese Fotosession verschlingt? Für das Geld richten die Deutschen 2 Hochzeiten aus. Und alle 2 Minuten schreit eine Brautjungfer oder eine Freundin der Braut: „10 Minuti“ – danach „12 Minuti“ – Ich dachte beim ersten Mal, dass sei der Count-down, zur Abfahrt der Limousine vor der Tür (am Arm des Vaters vom Elternhaus bis zur Kirche zu Fuß zu gehen und die ganze Gemeinde am freudigen Ereignis teilhaben zu lassen, ist inzwischen auch längst out…), bis ich bemerkte, dass die Ziffern ansteigend sind. Ein vorsichtiges Nachfragen hatte erstauntes Augenbrauenheben zur Folgen: „Sag’ bloß, in Deutschland sind die Bräute pünktlich?“ Es dämmerte mir. Oder besser: Ich wurde vom Blitz der Erkenntnis fast erschlagen. Deshalb stand ich seinerzeit auch in der Kirche und wir haben alle auf den Pfarrer gewartet….unerfahren in den hiesigen Gepflogenheiten, wie ich damals war, war ich als Braut doch tatsächlich pünktlich…unverzeihlicher Fauxpas wie ich später bemerken musste.

Also dieser umgekehrte Count-down steigert sich bis zu 60 Minuten, man hat auch schon von besonders wichtigen Bräuten gehört, die 1 ½ Stunden später in der Kirche erschienen und den Bräutigam schön mürbe gemacht haben. Stehen Sie mal eineinhalb Stunden im besten Anzug am Altar rum und warten Sie und müssen auch noch smalltalk mit dem Pfarrer, so er denn schon anwesend ist, machen. Ich sage Ihnen, selbst der rebellischste junge Mann wird dabei weich. Am Schluss sagen sie alle völlig entkräftet ihr „lo voglio“ – „ich will“, nur damit die Steherei endlich zum Ende kommt. Nachdem ich mich also meiner Unwissenheit diesbezüglich entledigt hatte, wollte ich’s dann ganz genau wissen. Warum, so meine Frage, denn diese „Unhöflichkeit“ gegenüber den Gästen, dem Pfarrer (immerhin ist er die Vertretung der Vertretung Gottes auf Erden, nicht), den Eltern des Bräutigams und last not least, gegenüber dem Bräutigam? Ratlosigkeit seitens der weiblichen Anwesenden. Kurze Stille (können Sie sich das vorstellen???) und dann ein allgemeines Brainstorming, aus dem ich mir dann das Beste rauspicken durfte: Hypothese Nr. 1: Der Bräutigam will in Angst und Schrecken versetzt werden. Nicht sosehr darüber, dass die Braut überhaupt nicht auftauchen könnte, sondern eher darüber, dass die gesamten Ausgaben schon getätigt worden sind, das Hochzeitsbankett (und um ein solches handelt es sich wirklich) und das Haus, das unter Opfern fertig gestellt wurde, dass irgendwie alles umsonst gewesen sein könnte. Hypothese Nr. 2: Erste Rebellion der Braut gegenüber ihrem zukünftigen Ehemann, um ihm gleich mal zu zeigen, wer in der Ehe wirklich kommandiert. Hypothese Nr. 3: Ihm die Kraft für die Hochzeitsnacht zu reduzieren. Letztere Annahme stammte von einer kleinen schrumpligen, ca. 80jährigen Anwesenden, die sich als die Bisnonna, also die Uroma herausstellte und die schmunzelnd hinzufügte: „Aber das nützt natürlich nichts.“ In der allgemeinen Heiterkeit, die die Braut nicht mit einbezog, da sie, wie schon erwähnt, im Wohnzimmer noch immer in den verrücktesten Posen harrte, fotografiert zu werden, war der gewisse Count-down auf 30 Minuten angestiegen. Das ist anscheinend das moderne Limit: Inklusive ein letztes Mal im Kleid Pipi-gehen (10 Minuten) und mit Papa ins Auto steigen (2 Minuten) und zur Kirche fahren (2-5 Minuten, je nach dem) sind wir bei 45 Minuten angelangt. Zeit, den Armen im Gotteshaus zu erlösen.

Entschuldigen Sie meine Ausschweifungen bezüglich des italienischen „Wohnzimmers“, aber man muss schon auf solche kulturellen Unterschiede hinweisen, nicht dass Sie noch denken, man nimmt Sie als Gast nicht wichtig genug. Ich bestätige einmal mehr einen Gemeinplatz, wenn ich Ihnen versichere, dass Sie einem Süditaliener nie gleichgültig sein werden, wenn er Ihnen privat begegnet und Sie an seinen Tisch lädt. Genauso wenig, wie Sie sich wundern sollten, wenn man Ihnen völlig unvorbereitet, mitten in der ausgelassensten Heiterkeit bei Tisch Fragen bezüglich des Nationalsozialismus und Ihrer persönlichen Meinung danach stellt, oder Sie bittet, kurz zu erläutern, wie die Deutschen heute über Hitler denken. Die Italiener sind sich nicht bewusst, dass sie da ein Thema anschneiden, dass an sich ein Tabu für die Deutschen darstellt oder zumindest, dass diese Tragödie in der deutschen Geschichte zu wichtig ist, um darüber in zwei Sätzen zwischen Trinkspruch Nr. 6 und Nr. 8 ein Kurzreferat halten zu müssen. Auch Nachfragen zu Mussolini sind ihnen gar nicht peinlich. Sie nutzen die Gelegenheit, um Vergleiche zu ziehen, zwischen gestern und heute und auch, dass Mussolini ja der humanere Faschismus war. Sie sehen das alles nicht so schrecklich eng. Dabei, und das muss man dazu sagen, sind sie eigentlich sehr sensibel, denn jedes Jahr im Januar, wenn sich der Holocausttag nähert, veranstalten die Schulen und Universitäten Gedenktage und laden jüdische Schriftsteller und Überlebende von KZs ein. Sogar fährt jedes Jahr ein Sonderzug, il „treno della memoria“ nach Auschwitz, voll mit italienischen Jugendlichen, die sehen und mit tausenden von anderen aus ganz Europa erleben wollen, um zu verstehen, was passiert ist. Sehen Sie die Sache so: Sie können einfach nicht widerstehen, einen Deutschen direkt zu befragen. Also bereiten Sie eine 200 Wort-starke-Antwort vor!

Inzwischen haben sich, wie das nun mal bei 20 Personen an einem Tisch üblich ist, kleinere Grüppchen gebildet, die sich munter über das Verschiedenste unterhalten: Die diesjährige Olivenernte, die Jugendarbeitslosigkeit, die bevorstehende Diplomarbeit der Ältesten, über die Jüngste, die statt Schule nur Jungs im Kopf hat, über die Cousine der Nachbarin, bei der ein Tumor diagnostiziert wurde und die schnellstens nach Mailand zur OP muss usw., usw. Sie sitzen da und denken: Die Welt ist ein Dorf. Überall dieselben Probleme.

Sie sassen bereits vor vegetarischen Orecchiette, kleinen Pasta-Öhrchen, die hier strikt selbst gemacht oder zumindest frisch gemacht gekauft werden mit Rape (einer bittereren Brokkoliart) köstlich an Olivenöl und einem Hauch Knoblauch, danach zur Abwechslung ein Stück Parmiggiana (Auberginen-Lasagne), danach sicherlich Nghiummareddhi (sagen Sie ruhig „involtini“, Sie dürfen das, Sie sind schließlich nicht von hier…), das sind Innereinrouladen vom Grill, und selbst wenn Sie kein Innereien-Freund sind, müssen Sie eins probieren. Es schmeckt, vor allem wenn vom Lamm, köstlich, glauben Sie mir. Dazu gegrillte Gemüse der Saison, sprich Auberginen, Peperoni, Zucchine (bitte sprechen Sie mir alle laut nach „Zukkine“ – das ch wird im italienischen wie ein deutsches K gesprochen), danach gibt es wahrscheinlich noch Salciccia [saltschitscha], das ist, tja, wie beschreib’ ich’s jetzt…würstchenartig, aber rohes Fleisch im Tierdarm, dass auf dem Grill gegart wird, mit grünem Gemüse (beispielsweise der Fritta, mit Fenchel und Oliven angebratenes Blattgemüse), danach wahrscheinlich noch Salat und Dolci. Die können variieren, oder man stellt auf den Tisch, was andere mitgebracht haben: Nur soviel, eigentlich gehen sie sowieso nirgends mehr hinein, andererseits, darauf kommt’s auch nicht mehr an.

Danach ist der Abend aber noch nicht zu Ende. Nachdem das Meiste abgeräumt wurde, erscheint wie von Geisterhand vorbereitete Rohkost: geviertelter Fenchel, Stangensellerie. Der dient hier zur Verdauung und geht immer. Wobei Sie vorab gerne versuchen können, aufzustehen und zu helfen, wenn Sie eine Frau sind, werden Sie lächelnd auf den Stuhl zurück gedrückt, wenn Sie aber ein Mann sind, kann es sein, dass Sie gar nicht davon abgehalten werden, zu helfen. Man wird so erstaunt sein, dass Sie mindestens einmal an die Spüle und zurück gelangen, bevor alle weiblichen Anwesenden entzückt aufspringen, zu Ihnen hechten und Sie mit glücklich machenden, wenn auch unverständlichen Liebesbezeugungen, Küssen und Wangenkneifern (unterschiedlich je nach Alter, sowohl dem Ihren, als auf dem der Damen) überschütten. Sagen wir’s mal so: Klar gibt es sie noch, die Macho-Italiener, die im Haushalt keinen Finger rühren. Aber die Dinge ändern sich, und in diesem Fall, würde ich sagen, durchaus zum Guten: Die jungen Leute sind hier fast alle auch Doppelverdiener und das, weil ein Gehalt nicht hinten und nicht vorne reicht. Daher teilt man sich die Hausarbeit, und die süditalienischen Frauen, die in den letzten 20-25 Jahren immer gebildeter sind, „kämpfen sich“ das Mamma-Söhnchen an ihrer Seite gleich in den ersten Ehejahren ganz schön zurecht! Vielleicht ist noch nicht dasselbe Selbstverständnis aufgekommen wie in Mittel- und Nordeuropa, aber die Süditalienerinnen arbeiten dran! – Wenn man auch, wenn ich mir so überlege, einmal separat die Schwiegermutter-Schwiegertochter-Beziehung ausleuchten müsste…die Schwiegermütter versuchen allem Anschein nach auch heute noch, ihre Söhne zum Nichtstun zu erziehen…warum nur, frage ich mich? Waren sie nicht selbst Schwiegertöchter gewesen?

Sie fragen sich sicher: Wird an italienischen Feiertagen noch etwas anderes getan als essen? Die Antwort lautet: Ja und Nein. Ja, weil die interfamiliären sowie freundschaftlichen Bande erneuert werden. Man verspricht sich, nicht mehr so viel Zeit verstreichen zu lassen.

Prinzipiell trifft man sich zum Essen. Aber eigentlich ist das Drumherum, das gesellschaftliche Ereignis dabei wichtig. Deshalb dauern italienische Essen auch so lange. Es ist nicht nur, natürlich auch, dass ein Gang nach dem Anderen aufgetragen wird, sondern dadurch kann man lange Gespräche favorisieren. Sehen Sie, die Mitteleuropäer setzen sich nach dem Essen noch auf die Couch oder machen einen Spaziergang, dabei wird auch gesprochen. Hier, in Ermangelung des Sofas, dass ja vielleicht noch in Cellofan eingehüllt, weil es ja erst vor 15 Jahren gekauft wurde, im Wohnzimmer steht und über dessen Verwendung ich Sie ja schon aufgeklärt hatte …bleibt man einfach bei Tisch sitzen. Dass dabei gewerkelt, abgeräumt und vielleicht sogar zwischen den Beinen der Gäste kurz durchgekehrt wird, stört hier keinen.

Inzwischen, und auch das muss gesagt werden, wenn es eine wirkliche Reportage über das Leben in Süditalien sein soll, sind die jüngeren Pärchen, die seit einigen Jahren in ihrer kleinen Wohnung am Stadtrand leben, auch zu anderen Gewohnheiten übergegangen. Da alle arbeiten, lädt einer ein und alle bringen etwas zum Festmahl mit, dann muss keiner 2 Tage lang am Herd stehen. Auch die Sache mit dem Wein hat sich inzwischen geändert, der junge Hausherr hat außerhalb studiert, ist ein diskreter Weinkenner und besorgt einige Flaschen des besten hiesigen Weins, garantiert fachmännisch gekeltert und bestimmt kein Novello. Schon deshalb, weil in der Garage ein schöner Mittelklasseneuwagen steht, der die nächsten 6 Jahre mühsam abbezahlt und deshalb vor dem Scirocco – wenigstens das hat sich nicht geändert - geschont wird. Jetzt sind Sie neugierig geworden, um welchen Wein es sich handelt? Das werde ich Ihnen bei einer anderen Gelegenheit ausführlich auseinandersetzen…

Nun, bei den Mittel- und Nordeuropäern ist der November der Totenmonat. Dieses Empfinden geht einher mit der Veränderung der Natur, die sich Ende Oktober nach einem bunten Crescendo endgültig für 3-4 Monate zur Ruhe legt. Die südliche Natur ist, klimazonenbedingt, anders herum gepolt. Will sagen, nach einem, wie schon angemerkt, heißen, regenlosen, Sommer im Juli und August wird der September milder, oft regnet es mindestens eine Stunde am Nachmittag, was den Oliven sehr gut tut und spätestens im Oktober passiert, was alle nebel- und kältefürchtenden Mitteleuropäer an diesem Landstrich so fasziniert: Es wird plötzlich alles grün. Unter den Olivenbäumen wächst wieder frisches Gras (auch und vor allem Unkraut, aber das ist eine andere Geschichte…), die rote, staubtrockene Erde wird wieder überzogen mit einem grünen Teppich, die Gemüsehändler bieten von einer Woche auf die andere viele verschiedene Grün-Blattgemüse an, die da sind: Sanapuddhi, Fritta, Cicorine, usw usw. Was am Besten schmeckt, wird nicht angebaut, sondern wild gesammelt. Und wenn es richtig geregnet hat, sieht man viele Menschen, die Zeit haben, mit Plastiktüten längs der Strassen oder mit Regenstiefeln mitten in den frisch gewachsenen Wiesen kopfüber wandeln. Man könnte meinen, sie meditierten über den Regen, das wiederkehrende Grün, in sich gekehrt und Gedichte sinnierend. Aber nein, die Salentiner sind vorwiegend praktische Leute. Sie sammeln Schnecken, die bei Regen aus der Erde kommen. Die werden zuhause einige Tage in Mehl gehalten, damit sie sich selbst reinigen, und dann mit köstlichen Soßen angebraten und verspeist. Nicht jedermanns Sache, bestimmt nicht. Aber es gehört zum salentinischen Herbst wie der Advent zur mitteleuropäischen Vorweihnachtszeit.

Selbstverständlich ist der November auch hier den Toten gewidmet. Und da unterscheiden sich die Traditionen nur geringfügig von den mittel- und nordeuropäischen: Man bringt den Toten Blumen, am 01. November ist Friedhofstag…apropos Friedhof. Waren Sie schon einmal auf einem italienischen Friedhof oder haben Sie einen gesehen? Nein? Dann wird’s aber Zeit. Dieser unterscheidet sich so sehr von den mittel- oder nordeuropäischen, dass es fast schon ein Muss ist…Sie sind nicht scharf darauf? Na gut. Dann nehme ich Sie zu einem virtuellen Spaziergang über einen salentinischen Friedhof mit:


Der Eingang eines süditalienischen Friedhofs unterscheidet sich nur geringfügig von denen auf dem Rest der Welt. Eine Mauer, ein Eingang, meistens säulengesäumt und mit schmiedeeisernem Tor auf dem meistens ein schauerlich-schöner Satz auf Lateinisch steht: „Sie waren dort, wo du heute bist und sie sind heute dort wo du morgen sein wirst“ oder etwas ähnlich Sinniges in der Art. Man fühlt sich gleich zu Hause, wo einem das doch sooo schön veranschaulicht wird, dass man eh hier enden wird…

Man begeht also den Garten der Jenseitigen und siehe da…eine ganze Stadt tut sich einem auf. Die Wege sind gesäumt mit kleinen oder größeren Häusern über denen Schilder prangern wie: „Famiglia Conti“ oder „qui riposa Maria Quarta“ oder so ähnlich.

Wer Gräber im mitteleuropäischen Sinne sucht, sucht bis auf ganz wenige, durchaus exotische Ausnahmen vergeblich. Gut betuchte Familien und nicht nur solche, handelt es sich doch um ein Prestige-Objekt und man kann auch eine Art „Vor-Hypothek“ auf die ewige Ruhestätte aufnehmen um sich was richtig Schickes hinzustellen, lassen Familien-Häuschen bauen, in denen die Verblichenen der Familie und Anverwandten nach und nach ihre letzte Ruhe finden. Mir ging’s wie Ihnen, ich konnt’s nicht glauben. Mein erster Gang auf einen salentinischen Friedhof (ist aber überall in Italien so) erfolgte anlässlich der Beerdigung einer Tante meines Mannes. Schon die Zeremonie selbst, wie oben beschrieben, war für meine Begriffe sehr ungewöhnlich. Aber das Betreten des Friedhofs war sozusagen das Highlight dieses gesellschaftlichen Ereignisses. Der Sarg wird in der Totenkammer aufgebahrt und bleibt dort noch eine Nacht stehen. Vorher war er schon in der Kirche zur Aussegnung und hat dann seinen letzten Weg angetreten. Dabei gehen die Familie und dahinter alle, die zur Beerdigung gekommen sind, hinter dem im Leichenwagen fahrenden Sarg hinterher. In großen Städten natürlich nicht, da fahren alle im eigenen Wagen zum Friedhof und man trifft sich dort. Aber in den kleinen Orten wird der Verkehr angehalten, die Vigili Municipali, die Stadtpolizei, lässt den Totenkorso vorbeiziehen und alle Geschäfte der betreffenden Strassen schließen die Türen oder lassen sogar die Rollos aus Respekt herunter. Im Friedhof stellen sich die vorwiegend männlichen Verwandten vor den Sarg, um nochmals Beileidsbezeugungen entgegenzunehmen und dann gehen alle nach Hause. Am nächsten Tag wird der Sarg in die Mauer gestellt. Viele, denen es nicht zur eigenen Ruhestätte gereicht hat, werden in der Gemeindemauer beigesetzt, immer 5 übereinander und 5 nebeneinander. Da kann man sich dann aber nicht aussuchen, neben oder über wem man liegen möchte…da kommt es nur auf das Datum an.

Kürzlich gab es eine wunderschöne Friedhofsführung durch den alten Lecceser Friedhof, den „giardino funebre“, den Beerdigungs-Garten. Dabei habe ich endlich auch eine zufriedenstellende Erklärung dafür gefunden, warum die Menschen hier nach oben und nicht, wie in Mittel- und Nordeuropa, nach unten „begraben“ – aber das Wort passt nun hier eigentlich nicht, sehen wir’s also metaphorisch - werden: Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden alle Bürger von Städten und Dörfern in ihren Kirchen begraben. Die Kirche war der Leitfaden der Menschen durch ihr gesamtes Leben, so war es nicht verwunderlich, dass jeder seine letzte Ruhe in ihrem Innern finden wollte. Das Gebäude Kirche wurde mit dem „Schoß“ Kirche gleichgesetzt. Man war näher bei Gott. Es gab in jeder Kirche Grüfte, die die Körper der Verstorbenen ohne Sarg aufnahmen. Diese mangelnde Umhüllung hatte natürlich eine schnelle Zersetzung zur Folge und so konnten immer wieder die unten liegenden Knochen gesammelt und ins Beinhaus gelegt werden und von oben kamen immer neue Körper nach. Nun begann man aber schon Mitte des 18. Jahrhunderts, von Grundwasserverseuchung zu reden und allmählich auch die Grüfte damit in Verbindung zu bringen. Nun, 100 Jahre später durfte dann endgültig niemand mehr in den Kirchen begraben werden. Es wurde ein „Camposanto“ ein „Heiligenfeld“ vor den Toren der Städte oder Dörfer geschaffen, die Erde wurde geweiht, mit Kirche und Mauer versehen und zum Friedhof gemacht. Die Resistenz der Bürger Lecces hat übrigens fast 100 Jahre gedauert, bis man schließlich nachgab und der erste Lecceser im „Beerdigungs-Garten“ begraben wurde. Die Tradition, die Toten in Gemäuern zu begraben, war aber geblieben, daher die Idee mit den Häusern.

Und so ragen die steinernen Ruhestätten still in den azurblauen Herbsthimmel und zeugen von ihren längst verblichenen Erbauern. Man sieht pyramidenförmige Häuser, eigentlich ja nicht sehr christlich, an die große Reise ins Amentet zu glauben…man sieht römische Tempel, aber auch etliche wunderschöne Jugendstil-Kapellen und romantischen Monumenten nachgeahmte Denkmäler, die den Toten allen, die seine letzte Stätte bewundern, wieder und wieder aufs Neue vorstellen. In viele Totenhäuser sind Eulen eingemeißelt – keineswegs ein Unglücks- oder Todeszeichen. Die Eule ist hierzulande nur Unheilbringerin, wenn sie dich direkt anschaut. Das Vorbeischweben einer Eule bringt Glück, auch, wenn sie sich auf deinem Haus niederlässt. Ob dieses Glück, das in den Totenhäusern durch deren Abbild exorziert wird den Lebenden oder den Toten gelten soll, ist ungewiss….



Mittwoch, 29. Oktober 2008

new friends

my name is henry
i am a freelance artist
http://www.sirhenryb.com/
traveler/walker and photographer
http://www.flickr.com/photos/sirhenryb/
i found claudia some weeks ago on the net
when i was surfing the net
for infos about the salento
for a time-out project
since then we became friends
claudia is a multi linguistic talented lady
which lives near gallipoli in the salento
she provided me with usfull infos
about her part of the world
the culture and daily live in the salento
and she has organized a apartment
for us in no time.........
so if you look for infos
about the salento
away the beaten tracks
and accommodation there
please be free to contact claudia
at claudia.salento@gmail.com
hb
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ich bin der henry von
www.sirhenryb.com
unermüdlicher reisender
und wanderer /fotograf
http://www.flickr.com/photos/sirhenryb/
claudia fand ich vor ein paar wochen
alls ich verzweifelte am suchen war
nach alternativen infos
über den salento
jrgendwo
tief in einem reisearchiv
stiess ich beim surfen auf ihren nammen
und meilte sie an........
(This was The Beginning Of A Beautiful Friendship)
in der zwischen zeit hat claudia mir zahlreiche infos
über zahreiche aspekte des salentos geliefert
und wird es auch weiterhin tun
sind hat sich liebevoll um unsere persöhnlichen wünsche gekümmert
und hat uns in kürzester zeit ein apartment organisiert
so leute wen ihr was neues sucht
weg von den ausgetrettenen pfaden
der salento hat viel zu bieten
infos
claudia.salento@gmail.com
hb




Montag, 27. Oktober 2008

salento


Salento ist der Name einer 100 km langen und 40 km breiten Halbinsel im äußersten SüdostenItaliens und wird oft auch als „Absatz“ des italienischen „Stiefels“ bezeichnet. Administrativ gehört die Halbinsel zur Region Apulien und umfasst die Provinz Lecce sowie Teile der Provinzen Tarent und Brindisi. Das Gebiet wird zuweilen auch als Terra d'Otranto bezeichnet. Ältere Namen für die Halbinsel sind Iapygia, Messapia, Calabria und Sallentina.
Die bedeutendsten Städte auf Salento sind Lecce, Brindisi und Otranto

geschichte

Aus vorgeschichtlicher Zeit sind Dolmen und Menhire als Reste der Frühen Bauernkultur erhalten. In der Antike wurde das Gebiet von den Messapiern bewohnt, einem illyrischen Volksstamm, der seine Unabhängigkeit in Kriegen gegen die griechische Siedlung Taras (Tarent) verteidigen musste. Herodot berichtet von einem Krieg um das Jahr 474 v. Chr. zwischen Taras und der Lega Peuceta (einem Bündnis aus dem Gebiet um Bari), die dabei von der Lega Messapica (aus Salento) unterstützt wurde. In diesem Konflikt konnten die Messapier nach mehreren Kriegsjahren noch die Oberhand behalten, ab ca. 280 v. Chr. erlangte jedoch die Römische Republik in ganz Untertalien die Vorherrschaft (siehe Tarentinischer Krieg). Seither ist die Geschichte Salentos nicht mehr von jener Apuliens zu unterscheiden.

kultur

Der italienische Dialekt, der auf Salento gesprochen wird, unterscheidet sich völlig von jenen Mundarten, die im Rest Apuliens gesprochen werden. Vielmehr ähnelt er mit seinen offenen Vokalen dem sizilianischen Idiom.
Daneben gibt es auch einige griechische Sprachinseln, die vermutlich durch eine mittelalterliche Migration entstanden sind (siehe auch Griko).
Auch in der Architektur unterscheidet sich Salento vom restlichen Apulien. Die traditionellen Wohnhäuser sind nach griechischer Art gebaut, d.h. sie sind weiß gekalkt und haben ein Flachdach. Die historischen Stadtzentren dagegen sind hauptsächlich im Barock-Stil erbaut, mit einigen typisch salentinischen Details wie der überbordenden Fassadenbemalung von Palazzi und Kirchen. Das beliebteste Baumaterial war die pietra leccese, ein Gestein mit einer warmen rötlich-gelben Farbe.
Im übrigen Apulien ist der typische historische Baustil im Gegensatz zu Salento vorwiegend romanisch.