Donnerstag, 23. Juli 2009

WoMo-Freunde priv. Stellplatz ganzjährig bei Claudia

Wohnmobil priv.Stellplatz ganzjährig bei Claudia
Hallo liebe Wohnmobil-Freunde,

es ist endlich soweit, wir haben unser Grundstück am Meer soweit in Schuss, dass wir es als ganz privaten Stellplatz ganzjährig unseren WoMo-Freunden anbieten können.

Gegen Gebühr bieten wir: Frischwasser, Dusche, Entleeren.
Vor allem aber ist das Grundstück abgeschlossen, ideal für Familien mit kleinen Kindern oder auch für WoMo-Freunde, die einen Hund an Bord haben: Kann man alles springen lassen und beruhigt in der Hängematte liegen. Zum Meer (Felsenküste) sind's nur 5 Gehminuten. Sandstrand per Fahrrad in 15 Min (Richtung Gallipoli) zu erreichen. Fahrräder können wir auch 2 zur Verfügung stellen.

Wir dachten an eine Übernachtungsgebühr von Euro 10,--. Bei längerem Aufenthalt (+ 5Tage) nur noch 8 Euro pro Nacht.

Hier die Koordinaten von meinen Freunden Jürgen und Ingrid, die hier waren und im Winter auch wieder kommen werden!
East 18° 0min 12sec, Nord 39° 58min 52sec

Interessiert? Dann wenden Sie sich an claudialitti@tiscali.it

Claudia

Mai im Salento, Sprung nach Draussen

Wie wär’s mit einem kühlen Bad?
Mai im Salento


Wenn der April sich dem Ende neigt, können wir ruhig behaupten, dass der Salento endgültig aus dem Winterschlaf erwacht ist. Plötzlich feiern wir täglich Heilige, Stadtpatrone und Frühlingsfeste. Der Marienmonat wird natürlich auch hier nachhaltig gepflegt, an allen Ecken sieht man Rosenkränze und es gibt in jeder noch so kleinen Kapelle Marienandachten.

Der Mai ist meines Erachtens mit der schönste Monat im Jahr. Es ist definitiv warm, an manchen Tagen sogar mehr als warm, die ersten, glücklicherweise kurzen Hitzeperioden legen sich auf das Land. Und wenn man im April nur vereinzelt und hinter Felsen und sehr geschützt vor den kalten Winden hie und da mal einen Bikini am Strand liegen sah, jetzt wird es schon ein Massenphänomen – na ja, ich will’s nicht übertreiben – sagen wir, ein häufiger gesehenes Phänomen. Als der Salento noch von Fischfang und Landwirtschaft lebte, musste man lange suchen, wenn man um diese Jahreszeit einen Müßiggänger finden wollte, der seine knapp bemessene Freizeit am Meer verbrachte. Heute ist das alles anders. Die lokalen Latin-Lovers bereiten ihren fitness-gestählten Körper auf die anstrengenden Sommernächte vor, man sieht sie in den wärmsten Mittagsstunden am Strand liegen. Aber nicht nur sie: Bürohengste und –Stuten (frau verzeihe mir das wenig ehrerbietige Wortspiel) entledigen sich der lästigen Konventionskleidung und sonnen sich diskret hinter einer Sanddüne, auch schon mal in Unterwäsche. Immer öfter eine nette Art, die Mittagspause zu verbringen. Ein weiteres, neueres Phänomen sind die Stadtrentner, die jetzt den noch sehr wenig gepflegten Strand (ich geb’s zu, ein Euphemismus….) erobern und gegen Mitte des Monats schon aussehen, als hätten sie die letzten Jahre permanent unter der Höhensonne geschlafen. Ich sage betont: Stadtrentner, denn selbiges darf man von den Dorfrentnern nicht verlangen. Die haben immer zu tun, die sind ständig am Arbeiten in der Campagna, also auf dem Feld, denn da ist jetzt Hochbetrieb. Aber bleiben wir noch einen Moment am Strand: Jetzt ist der Moment, wo auch der nicht Hiesige wirklich rundum alles im Salento genießen kann. Meer, Sonne UND Kultur, Kunst, Folklore. Wenn man dieser Tage längere Zeit am Strand verbringt, sieht man einen schönen Querschnitt aller derjenigen, die den Salento ausmachen. Schüler und Schülerinnen, die den letzten Schulmonat zu anstrengend finden und ab und zu bei besonders schönem Wetter mal schwänzen (nicht umsonst lautet das italienische Wort für „schwänzen“ – „marinare“ – merken Sie was?) und stattdessen lieber an den Strand gehen (wer kann’s ihnen verdenken?), junge Mütter mit ihren Sprösslingen, die die Leere der vorsommerlichen Strände nutzen, um die Bambini ungestört spielen zu lassen, Hundebesitzer, die sich dessen bewusst sind, dass sie den Freilauf im Hochsommer nicht zulassen können und deren Hunde ebendiesen besonders schätzen, die älteren Signore, die fast wie Bademeisterinnen auf ihren Stühlen thronen und über den Strand blicken und Rezepte und den neuesten Klatsch austauschen, ältere Herren, die kürzlich Gefallen gefunden haben am Rentnerdasein und, last not least, Sportbegeisterte aller Altersgruppen. Die treiben jetzt verschärftes Lauftraining am Strand, wo laufen doppelt anstrengend ist. Ein fröhliches Sammelsurium an Salentinern, die die Wärme und die Vorfreude auf den Sommer genießen.

Auch wer ein Marktgänger ist, wird merken, dass sich das Angebot der steigenden Nachfrage nach Strandbadetüchern, Bikinis, Badelatschen, Sonnenschirmen, Balkonausstattung, Liegestühlen, hauchdünnen Strandkleidern usw. anpasst.

Jetzt wird’s schnell Sommer. Abgesehen von einigen kurzen meteorologischen Rückschritten geht es im Marschschritt auf die heiße Jahreszeit zu. Die Natur hat Mühe, hinterher zu kommen. Was im April noch zaghaft spross und blühte, explodiert nun mit Lichtgeschwindigkeit. Denn wo sich die Natur im Norden beeilen muss, weil der Sommer kurz ist, muss sie im Süden genauso hinne machen, weil die gnadenlose, sengende Hitze nah sein kann. Und dann sollte man möglichst schon geblüht haben, zumindest zum ersten Mal. Denn wenn man bedenkt, dass Blumen und Pflanzen auch hier gerne ein geschütztes Eckchen zum Aufgehen haben möchten, dass aber gerade dieses geschützte Eckchen Monate später zum Backofen wird, weiß man um das Dilemma der Hobbygärtner, welches Plätzchen für das geliebte Pflänzchen das richtige sein mag.

Noch im April wurde das Gemüse durch Gewächshäuser geschützt, nun werden schon Schattenspender angebracht, damit die Pflanzen nicht elendig dahinwelken.

Während man sich also am Strand langsam und körperteilweise ins noch sehr kühle Nass wagt (das kommt natürlich auf den jeweiligen Abhärtungsgrad an…meine Mutter behauptet immer, da sei ich ein italianisiertes Weichei und das Wasser wäre doch just nun genau richtig…), ist auf den Feldern bereits Hochsaison. Jetzt kann man beim Gemüsehändler plötzlich wirklich alles bekommen, was das Herz begehrt: Zucchine (sehen Sie bitte zur Aussprachhilfe bitte ins November-Kapitel), Auberginen, Paprika, Gurken (sind hier kurz und dick, wieder so ein anarchisches Verhalten, den EU-Normen zum Trotz eben), schon die ersten Honigmelonen, Kirschen gemeinsam mit den langsam ausklingenden Erdbeeren, Spargel, usw. Vor allem aber ist jetzt Kartoffelernte. Ja, sie haben richtig gelesen: Die besten Kartoffeln kommen aus dem Salento, vorwiegend aus den westlichen Dörfern, die dem ionischen Meer zugewandt sind. Hier wird die Siglinde und Nicola angebaut, die besten Salatkartoffeln überhaupt. Aber auch die Sorten, die sich gut für Pommes Frites und Chips eignen werden hier produziert. Und man sieht gegen Mitte des Vormittags Traktoren mit Anhänger voll beladen mit Riesenkisten Richtung Dorf fahren. Dort warten schon die 32 Tonnen Lkws aus Deutschland, Holland und Belgien, um die Ware so schnell wie möglich gen Norden zu schaffen. Es ist richtig was los im Monat Mai in einem salentinischen Dorf!

Der Wonnemonat Mai ist natürlich auch zum Heiraten da. Gerade hier im Salento bevorzugt man aber seit ca. 30-40 Jahren die heissen Sommermonate. Nicht, weil das Brautkleid günstiger ist, weil weniger dran ist, mitnichten. Dass im Hochsommer vermehrt geheiratet wird, liegt daran, dass man so alle fern lebenden Verwandten mit dabei haben kann. Extra mal so für ein Hochzeitswochenende aus dem Norden anzufahren oder gar aus Belgien, der Schweiz, Frankreich und nicht zuletzt Deutschland ist aus offensichtlichen Gründen nicht möglich. Daher wartet das Brautpaar, bis die meisten Verwandten sowieso in die heimatlichen Dörfer zurückkommen, um die Urlaubswochen dort mit Kind und Kegel zu verbringen. Dann kann man sicher sein, dass man zwischen 80 und 90% der Verwandten, die man gerne dabei haben möchte (oder muss, je nach dem, wer die Hochzeit ausrichtet…) „erwischt“ zu haben. Aus diesem Grunde werden die Hochzeitstermine auch mit den wichtigsten Verwandten lange vorher abgesprochen. Die Urlaubsplanung in den mitteleuropäischen Unternehmen hängt nicht zuletzt auch mit dem Hochzeitswunsch vieler italienischer Paare zusammen.

In den letzten 20 Jahren leben und arbeiten die Brautpaare immer häufiger im Norden oder sogar im Ausland und kommen heim, um zu heiraten. Oft haben sie sich am Arbeitsplatz weit weg kennengelernt und keinesfalls sind sie immer aus derselben Gegend. Dann wird’s noch teurer, denn man muss ein Bankett im Geburtsort des Bräutigams UND eins im Geburtsort der Braut ausrichten, dass gehört sich noch heute so. Geheiratet (immer häufiger auch nur standesamtlich, wenn’s der zweite Anlauf ist, oder – auch immer häufiger bei Paaren jenseits der 30, weil die Kirche einfach nicht mehr als zeitgemäß empfunden wird) wird im Geburtsort der Braut. Das ist Tradition.

Apropos Hochzeitsbankett: Die letzte Hochzeit, an der ich teilgenommen habe, war eine mit nur 150 Geladenen. Also vergessen Sie die horrenden Zahlen der geladenen Gäste, 200, 300, gar 400 Personen kann sich heute nur noch ein Großindustrieller oder Onorevole („Ehrenwerter“ – zu gut Deutsch: Mitglied der einen oder anderen italienischen parlamentarischen Kammer) leisten. Das sind bekanntlich die bestbezahlten Politiker Europas. Die modernen Akademiker-Brautpaare oder mindestens gut gebildeten, die auch ein einigermaßen gutes Auskommen aufweisen, halten’s heute wesentlich schlichter. 50 – 100 Leute (ja, das ist für italienische Verhältnisse schlicht) sind heute eher die Regel. In den letzten Jahren auch weniger als 50 Personen.

Worin besteht denn so ein süditalienisches Hochzeitsbankett? Nun, da wäre mal der Aperitivo. Der wird, wenn die Brautpaare selbst schon öfter bei Hochzeiten dabei waren und aufmerksame Gastgeber sind, ausgegeben, so lange das Brautpaar noch in irgendeiner „location“ beim Fotografieren ist. Er besteht aus Prosecco, leckeren, farbigen Aperitiven, und Häppchen bis zum Umfallen. Auf riesigen Silbertabletts werden hunderte Hors d’Oevres gereicht. Man steht, meistens vor dem Restaurant oder in der Eingangshalle, der eigentliche Festsaal wird erst im Beisein der Brautleute betreten. Immer häufiger wird sehr viel Rücksicht auf die Gäste genommen und der Fototermin fällt relativ kurz aus, schon allein, weil die digitale Fotobearbeitung aus wenigem seeeehr viel machen kann, aber auch, weil die Fotografiererei sehr viel Geld kostet, das Album macht anschließend locker noch mal 1.500 Euro, wenn ein Film dabei ist….das doppelte. Immer mehr Brautpaare stellen daher Freunde zum Fotografieren ab und beschränken die offiziellen Fotos auf ein Minimum. Schon, um sich auch noch das Gedeck des Fotografen plus ein bis zwei Gehilfen zu sparen, denn die essen gratis mit, wenn sie während des Banketts auch noch fotografieren müssen. Nach Ankunft des Brautpaares und verschiedener Hoch-Rufe dann endlich das eigentliche Gelage: Primi….mehrere. Unter drei verschiedenen Pasta- und Reisgerichten geht nichts. Dazwischen werden in aller Öffentlichkeit Geschenke übergeben. Vornehmlich das Geschenk der Schwiegermutter an die Braut, die ihre Schwiegertochter mit Gold beschenkt. Sehr oft höre ich, dass das Brautpaar die Schwiegermutter dringend gebeten hat, davon Abstand zu nehmen, heute werden solche demonstrativen Aktionen der „Aufnahme in die Familie“ von den jungen Leuten eher als peinlich gewertet. Dann der „fast-Eklat“ während des Festes, die Schwiegermutter schickt alle Ermahnungen in den Wind und bittet sogar, die Musik abzustellen, damit alle mitbekommen, was da verschenkt wird. Das ist hier der eigentliche Generationskonflikt. Viele rituelle Handlungen während dieser Feierlichkeiten sind althergebracht, aber auch sehr überkommen, denn beispielsweise das Geschmeide der Schwiegertochter umzuhängen bedeutete damals, zu zeigen, wie kreditwürdig die neue Familie war, war Gold doch sicheres Anlagegut für schwerere Zeiten. Das ist heute nun wirklich nicht mehr notwendig. Oder besser: der Bank egal, die will andere Sicherheiten…Trotzdem können’s die Schwiegermütter oft nicht lassen….ein erster Hierarchiekampf?

Man ist inzwischen auch weitgehend davon abgekommen, dass Mutter und Braut die Möbel aussuchen gehen. Der salentinische Mann möchte heute auch mit aussuchen, wo er sich künftig bettet. Daher geht der Trend in den letzten 10 Jahren auch in Richtung „Arte povera“ – mit „schlichter Landhausstil“ zu übersetzen, oder sogar in Richtung „Ikea-mobili“ – hell, nicht massiv, aber zeitgemäß, solange die Eltern „massiv“ mitzureden hatten, gab’s eher die schwerere Variante, je barocker das Schlafzimmer, desto besser….heute sind eher gemütliche Sitzecken und stilvolle Couchtische als meterlange Tafeln zum Beherbergen von mindestens 12 Personen angesagt (dafür ist in den neuen Wohnungen auch gar kein Platz mehr….).

Zurück zum Bankett. Der „secondo“ der erste zweite Gang ist da. Der Tisch mit dem Brautpaar steht übrigens immer abseits, meistens thront er auf einer Plattform, damit alle das Brautpaar sehen können. Daneben sitzen die jeweiligen Eltern vice-versa (also die Brauteltern beim Bräutigam und umgekehrt) und dann die Trauzeugen. Die werden übrigens beschenkt, als Dank dafür, dass sie das Amt übernehmen. Ich habe von PCs und wertvollen Uhren, dem neuesten Schrei auf dem Mobiltelefonmarkt und anderem gehört, nehmen Sie das nun einfach mal kommentarlos hin…das ist die bescheidene italienische Art. Man darf sich da nicht lumpen lassen, man will sich schließlich nichts nachsagen lassen.

Nun, der Secondo, meist ein Fleischgericht mit Beilagen, ist im Anmarsch. Je mehr geladene Gäste, desto gewöhnlicher ist oft das Menu. Erlesen wird’s wenn’s wenige sind. Dann kann man wirkliche Gaumenfreuden bei einer italienischen Hochzeit genießen. Meistens kommt dann auch schon das „Sorbetto al Limone“, dass den Fleischgaumen „räumen“ und für den Fisch-Gang präparieren soll. Danach also der Fisch, der den Brautleuten wird, falls es ganzer Fisch ist, filettiert wird, schließlich soll es kein Drama während der Hochzeit geben, weil der Bräutigam den Fisch nicht ordentlich zerlegen kann. Die restlichen Gäste müssen schauen, wo sie bleiben, ich meine, wie sie ihren Fisch zerlegt bekommen. Da können Sie übrigens auch sehen, aus welchem Grund die MAMMA nicht beim Sohnemann sitzt….das käme nicht besonders gut, wenn sie ihm die Happen mundgerecht auf dem Teller vorbereiten würde, nicht? Nein, ich bin böse. Wie gesagt, meistens wohnen die jungen Leute schon seit ihrer Studienzeit alleine und sind keinesfalls die Muttersöhnchen, als die sie immer beschimpft werden. Allerdings, wenn sie zu Besuch daheim bei Mamma sind….na das ist wieder ein Thema für sich…

Nach dem Fisch kommt die Frutta, das Obst. Danach bestimmt ein Gelato, ein Eis, und je nach Jahreszeit Erdbeeren, Kirschen oder andere Köstlichkeiten noch extra. Dann ist der Moment der Hochzeitstorte gekommen: Meistens begleitet von Wunderkerzen, dem Hochzeitsmarsch, Applaus und vielem Pipapo. Der Anschnitt ist wahrscheinlich auf der ganzen Welt derselbe und irgendwann gibt’s in den meisten Fällen den obligatorischen Hochzeitswalzer. So viel wie auf deutschen Hochzeiten wird in Italien nicht getanzt. Aber auch hier gibt’s Ausnahmen. Wenn Sie sich aber vorstellen, dass das Bankett selbst je nach Zahl der Gäste zwischen 5 und 7 Stunden dauert, wo und wann soll man da noch tanzen?

Café gibt’s immer an der Bar. Dann rollt man pappsatt zu den Brautleuten, die fix und fertig in ihren Stühlen hängen und bekommt „la bomboniera“ als Dankeschön für’s da gewesen sein. „La bomboniera“ ist in Italien so eine Sache für sich. Ursprünglich gab es nur die „Confetti“, die Mandeln mit Zuckerguss überzogen. Die waren in niedliche weiße Schleierfetzen gewickelt und drin war ein winziges Billet mit Namen der Brautleute und dem Datum. Diese Confetti gab’s immer in ungerader Zahl, die geraden Zahlen bringen Unglück. Das Tütchen sollte man dann sammeln, zum Zeichen dafür, auf wie vielen Hochzeiten man gewesen war. Dann bekamen die Confetti eine solidere Umhüllung, eine kleine Tablettendose oder ähnliches. Dabei war dem Kitsch keinerlei Grenzen gesetzt. Je verschnörkelter, desto besser. Rokoko pur. Entsetzlich. Modernere Varianten reichen von kleinen Svarovsky-Aschenbechern bis Mini-Vasen aus böhmischen Kristall. Sie sehen, auch hier wieder….nach oben ist alles offen. Meine liebste Bomboniere hängt noch heute bei mir im Wohnzimmer. Franco und Anna haben vor mehr als 20 Jahren geheiratet und es war meine erste echt italienische Hochzeit. Es waren damals 400 Gäste, die Verwandten und die Brautleute auf Jahre verschuldet und die letzten Gäste gingen um 5 Uhr morgens. Aber seine Bomboniere, die hab’ ich wie gesagt, noch heute. Franco musste ja irgendwo einsparen. Also hat er mit seinem künstlerischen Talent die Innenstadt seiner Heimatstadt Casarano selbst skizziert und die Bleistiftskizze vervielfältigen lassen. Der schlichte Rahmen gab dieser sehr persönlichen Bomboniere die richtige Bedeutung. Bravo Franco. Bis heute hat das keiner getoppt. Das ist auch die einzige, die ich behalten habe. Den ganzen anderen Kitsch hab’ ich verschenkt und vieles davon war aus Silber.

Wie funktioniert das „Geben-Nehmen-Spiel“ einer italienischen Hochzeit? Das Hochzeitsgeschenk ist so teuer, wie der jeweilige Gast und Anverwandte konsumieren. Heute kann der Preis für das einzelne Gedeck durchaus bei 30 – 70 Euro pro Person liegen, je nach Portemonnaie und Spendierlaune. Wie in Mitteleuropa auch gibt es ausgewiesene Hochzeitstische in den verschiedensten Geschäften, die von 30 bis nach-oben-offen Euro alles anbieten, was das Brautpaar ausgesucht hat. Aber sagen wir’s mal so. Die meisten haben heute schon einen Hausstand, wenn offiziell auch noch keinen gemeinsamen. Und immer häufiger wird der Tisch „virtuell“ aufgestellt, d.h. man „sammelt“ für die Hochzeitsreise oder was auch immer. Man schenkt also, was man dann auf der Hochzeit konsumiert. Engere Verwandte kommen da natürlich nicht so günstig weg.

Im Mai beginnt auch die beliebte Sagra-Saison. Was ist eine Sagra? Ich nenn’s immer „Fress-Fest“. Ich denke, das kommt der Sache am Nächsten. Im Salento gibt es immer, überall und für alles essbare eine Sagra: Sagra del Pesce fritto (frittierter Fisch) in Gallipoli, Sagra del pane (Brot) in Cursi, Sagra della bruschetta ortolana (Bruschetta mit Gemüse) in Vitigliano, Sagra della frisella (doppelt getoastetes Brot mit Auflagen) in Taviano, Sagra dell’ anguria (Wassermelone) in Melpignano, Sagra del Würstel con la Birra (muss ich das übersetzen???) in Tuglie, Sagra della Melanzana (Aubergine) in Mesagne, Sagra della patata (Kartoffel) in Felline, Sagra del mare e del riccio (Meeresfrüchte und Seeigel) in Porto Badisco….ich könnte jetzt noch eine Seite lang so weiterschreiben. Sie sehen….es ist für alle und jeden was geboten. Wie sieht denn nun eine Sagra aus?

Jede Sagra hat ein Thema. Auf dem Dorfplatz werden Stände errichtet, Frauen und Männer, die zum Sagra-Komitee gehören, in weißen Kitteln und Häubchen auf dem Kopf, um einem Minimum an Hygiene zu genügen, stehen und bereiten direkt in der improvisierten Schauküche diverse Gaumenkitzel vor. Jede Sagra hat auch ihre eigene Organisation, aber vorab ein Tipp: Schauen Sie sich direkt bei Ankunft den Ablauf an: Meistens gibt es eine einzige Kasse und dann geht man sich mit Zettelchen nacheinander alles holen, was man bezahlt hat. Vergessen Sie Tabletts. Sie müssen möglichst viele Hände mitbringen, denn das muss alles balanciert und zu Tisch gebracht werden…so es welche gibt. Das ist das Lustige an einer Sagra. Man muss richtiges Organisationstalent UND Geschicklichkeit beweisen. Schmecken tut’s allemal. Sagre beginnen wie gesagt im Mai und erfahren in den Sommermonaten ein Crescendo. Dann können Sie auswählen, wohin Sie abends essen gehen wollen, denn fast jedes zweite Dorf hat in den zwei Hochsommermonaten jeden Abend eine Sagra. Auf diese Weise kommt man auch rum, im Salento…

Oft ist Musikbegleitung inbegriffen oder für direkt nach dem Essen vorgesehen. Und um die Traditionen zu pflegen, spielt sehr häufig eine der vielen Pizzica-Gruppen des Salento zum Tanz auf.

Was ist Pizzica? Die Pizzica gibt es, genaugenommen, in allen Teilen Süditaliens in verschiedenen Varianten. Sie entstammt den Bauerntänzen aus früheren Zeiten, hat aber auch Einflüsse der Tarantella und gilt als Heiltanz gegen den Biss der Tarantel. Pizzica-Tänze gibt es mehrere: Pizzica-Taranta (Heiltanz, sehr frenetisch und extatisch), Pizzica de Core (Werbungstanz, wunderschöner Paartanz, bei dem so richtig schön auf die ursprüngliche Weise geworben und geflirtet wird) und es gibt die Pizzica-Scherma, darin bewegen sich die Männer zur Musik und mimen einen Schwertkampf. Auf den heutigen Volksfesten wird vor allem die Pizzica de Core getanzt. Die anderen beiden Varianten sind so stilisiert und ritualisiert, dass sie eher als Vorführung dienen. Sollten Sie aber mal hier im Salento sein und es gibt solche Vorführungen….lassen Sie sich die nicht entgehen.
Die Pizzica ist heute nicht einfach nur eine traditionelle Musikart. Sie ist ebenfalls nicht einfach nur ein traditioneller Tanz. Sie ist eine neu-entdeckte Lebensart. Heutzutage gibt es in vielen Schulen während des Schuljahres Pizzica-Tanzkurse, wo schon die Kleinen in den Scuole Elementari lernen, sich zur Musik zu bewegen und zu tanzen. Herz der Pizzica ist das Tamburello und seine ganz spezielle Art das Tamburello zu schlagen bedarf viel Übung. Der Rest ist pure Lebenslust.
Ich empfehle Ihnen bei Ihrem nächsten Salento-Urlaub dringend ein Volksfest mit Pizzicamusik. Sie ist heilsam, anregend, belustigend und lässt einblicken in das Land gestern....und heute.
Sie sehen, Feste gibt’s genug, gleich in welcher Variante. Land und Leute recken und strecken sich nach dem Sommer aus.

Lesen Sie bald….Juni. Beginn der Badesaison. Die Uhren im Salento werden umgestellt.

Samstag, 6. Juni 2009

Ostern im Salento


Ostern im Salento

Wenn in den deutschen Geschäften Schoko,- Porzellan,- Gips und wer-weiß-was-noch-alles-Hasen auftauchen, dann finden in Italien die Eier in jeder Größe und Aufmachung ihren Weg in die Regale. Der Osterhase, der die Ostereier im Korb auf dem Rücken trägt, das Osternest, dass die Kinder an Ostersonntag finden müssen, sind hier gänzlich unbekannt. Vor ein paar Jahren standen plötzlich auch hier Schokoosterhasen vor mir und ich hab’ mich nicht schlecht gewundert. Aber bei den Italienern war der Geschäftserfolg dieses ihnen gänzlich unbekannten Ostersymbols mäßig, ja sogar sehr lau. Schließlich war keine Überraschung in ihm!

Ja, DA liegt nämlich der italienische Hase im Pfeffer: Die italienischen Ostereier sind mit Überraschungen gefüllt. Und wenn Sie jetzt an das Übliche Überraschungsei der uns so bekannten Marke denken, liegen Sie, dimensionsmäßig gesehen, ziemlich daneben. Die italienischen Eier sind grösser, viel grösser! Also Eier mit ordentlichen Überraschungen beginnen bei einer Grösse von 25-30cm und enden bei 2mt! Die italienischen Pasticcieri haben Hochsaison. Will man seine Angebetene mit was wirklich Edlem überraschen, geht „MANN“ erst zum Juwelier und anschließend mit dem kleinen Paket zum Pasticciere seines Vertrauens. Da wird dem kleinen Etwas eine ganz besondere Verpackung verpasst: Das Osterei nämlich. JA, wirklich. Die Angebetene bekommt also kein konfektioniertes Ei „von der Stange“, sondern ein Unikat. Frau hofft natürlich, Unikat auch das Innere!!!

So teuer muss es natürlich nicht werden. Wenn man Kindern eine Freude machen will, sind gewisse Marken eine Garantie für kleine Spielfreuden im Innern. Selbst edle Haushaltswarengeschäfte stellen fertig konfektionierte Eier aus und der Inhalt variiert von einem Basetti-Topflappenset zum edlen Sommelierköfferchen.

Falls Sie in den Salento fahren, und nicht vorhaben, italienische Ostereier zu verschenken, könnten Sie an den vorösterlichen Riten interessiert sein. Wissen Sie, es hat etwas Schauriges, diese zahlreichen, vor allem abendlichen Prozessionen durch spärlich beleuchtete Straßen…Nachdem die Pappmaché-Figuren aus der Sakristei geholt, abgestaubt und hergerichtet wurden, trägt man die schmerzensreiche Madonna, viele verschiedene Heilige und Christus durch die Strassen. Das an sich wäre nur eine Prozession. Schaurig-schön wird sie durch die Tatsache, dass das ganze fast immer in den frühen Abendstunden (Achtung, gemeint ist der italienische Abend, also so ab 19.30 Uhr, Anm. die Autorin) geschieht und dass die Blasmusikgruppe, die die Prozession begleitet, klagende, um nicht zu sagen, jammernde Weisen spielt. Die Madonna oder Heiligen werden begleitet von Priester, Ministranten, Betenden. Jetzt werden Sie denken, ja ok, Betende ältere Frauen mit Kopftuch….weit gefehlt. Ostern ist die Zeit der Rückkehr in den Schoß der Kirche. Auch junge Menschen nehmen an den Prozessionen teil. Das hat vor allem hier im Süden mit den Confraternite, den Bruderschaften und - seit ca. einem Jahrhundert gibt es auch verschiedene Schwesternschaften - zu tun. Früher ein Zusammenschluss wie der der Zünfte oder Innungen, ist die Bruder- oder Schwesternschaft heute ein religiös-sozialer Zusammenschluss. Die neugeborenen Familienmitglieder werden einer Bruder- oder Schwesternschaft der Familie zugeordnet, registriert und der Jahresbeitrag wird, meist von den Grosseltern, bezahlt. Die Bruderschaft kümmert sich um seine Mitglieder, leistet Hilfestellung so gut es geht und verlangt dies auch für die anderen Mitglieder. Lange Zeit ersetzten diese Körperschaften soziale Pflichten, die heute dem Staat obliegen. Geblieben sind die Bruder- und Schwesternschaften als Art Verein, man hat seine Zunftkirche, seinen Heiligen und dessen Ehrentag, man nimmt an Prozessionen teil, bei wichtigen sozialen Ereignissen wie Kommunion, Firmung, Hochzeit usw. sind die „Cumpari und Cummari“ (so sagt man hauptsächlich zu den Paten, aber nicht nur) da und vor allem geben Brüder- und Schwesternschaften jedem Mitglied das letzte Geleit und das Grab wird von den eigenen Beiträgen von der Bruderschaft bezahlt.

Sie sehen, in Süditalien ist nicht nur die Familie wichtig. Selbstverständlich, wo der Staat zu lange Zeit abwesend war, müssen sich andere soziale Einrichtungen in gewisser Weise um das Wohl der Gemeinschaft kümmern. Das blieb der Familie aber nicht alleine überlassen. Oft höre ich während meiner Führungen, „ja, die Italiener, vor allem die Süditaliener, die haben ja riesige Familienverbände, die zusammenhalten.“ Nun, sagen wir, in einigen Fällen stimmt das durchaus. Sie können sich aber auch denken, dass bei zahlreichen Familienmitgliedern auch zahlreiche Interessen vertreten werden. Angeheiratete wollen vor allem die Schäfchen ihrer eigenen Familie ins Trockene bringen, weniger die der Familie des Ehegatten…ich kann ihnen sagen, was nach außen Friede, Freude, Eierkuchen scheint, ist keinesfalls immer friedlich und ohne Zoff. Wenn Sie auf Hochzeiten oder anderen Familienfeiern alle zusammen sehen, heißt das nicht, dass es nicht unterirdisch gewaltig brodelt. „Die Welt ist ein Dorf,“ sagen die Italiener, um auszudrücken, dass gewisse Dinge überall gleich sind….Ob Sie nun ein Geschwister haben oder 5…wenn Interessen im Spiel sind, können sich alle spinnefeind sein.

Die Bruder- und Schwesternschaften verlieren heute auch immer mehr Mitglieder. Zwar kommen regelmäßig neue nach (wenn auch hier stark abnehmend, denn die Geburtenrate in Süditalien ist erschreckend niedrig), aber wenn die jungen Leute dann das Nest verlassen, um außerhalb zu studieren, verlieren sie das Interesse an den heimischen Verbindungen und wenn sie jahrelang nicht zurückkommen, sogar ihren beruflichen Lebensweg woanders beginnen……dann addio Confraternita.

Wir waren bei den vorösterlichen Prozessionen und Riten:

Ab dem Wochenende des Palmsonntag kann man täglich und in fast allen Orten des Salento vorösterlichen Zelebrationen beiwohnen. Beispielsweise der Heilige Lazarus von Bethanien wird am Samstag vor dem Palmsonntag gefeiert. Ihm zu Ehren gibt es in Lecce einen großen Markt und die Spenden in früheren Zeiten dienten wieder einem sozialen Zweck, ist der Hl. Lazarus doch der Patron der Kranken. Die Spenden kamen also vor allem den Krankenhäusern zu Gute. Auf dem S. Lazarus-Markt gibt es noch heute alles mögliche zu kaufen. Vor allem aber die Palmgebinde, die am nächsten Tag, dem Palmsonntag, gesegnet werden sollen. Außer Palmen kann man Ölzweige kaufen, die denselben Zweck erfüllen. Übrigens war es früher üblich, dass junge Männer, die sich verloben wollten, nach Lecce, wo es den größten Lazarus-Markt gab, fuhren, um sich die Palmgebinde zu kaufen. Denn nachdem sie gesegnet wurden, bekam die Auserwählte das Palmgebinde sozusagen als Eheversprechen. Das ersetzte den Verlobungsring.

Nach Palmsonntag beginnt im Salento die Karwoche, hier „Settimana Santa“ genannt. Früher war die Karwoche heilig, daher der Name: Der Olivenbauer stieg nicht auf die Leiter, um die Zweige zu schneiden, der Zimmermann nahm keine Säge zur Hand usw. Die Woche galt der Besinnung, der Busse, der Vorbereitung auf Ostern. Die Kirchen gleichen einem Haus, in dem jemand gestorben ist. Alles Goldene wird verhüllt, Statuen werden abgenommen, der Altar leer geräumt. Am Mittwoch wird die Schmerzensreiche, die schwarz gekleidete Madonna auf ihren Marienaltar gehoben, man betet mit ihr. Am Gründonnerstag dagegen beginnt der Gang zu den „Sepolcri“: Alle Kirchen dekorieren ein improvisiertes Grab, in dem noch niemand liegt. Schalen mit im Dunkeln gekeimtem Getreide und deshalb weiß gekeimt (Farbe der Unschuld) steht rund um das Grab herum, man sollte möglichst 13 Kirchen besuchen, auf alle Fälle aber eine ungerade Zahl von Kirchen. Man betet den Rosenkranz und tut still Busse. Die Städte hören deshalb nicht auf, ihr geschäftiges Treiben fortzufahren, aber in den Kirchen ist es trotz der vielen Menschen still. Man sucht, selten in diesen Breitengraden, innere Einkehr. Man bewundert das Grab mit den vielen Blumen und pilgert von Kirche zu Kirche. Ostern ist für die südlichen Breiten, was Weihnachten in Mittel- und Nordeuropa.

Ich habe vorhin schon erwähnt, dass die Statuen aus Pappmachée zu den Osterfeierlichkeiten in den Prozessionen durch die Strassen getragen werden. Wenn Sie diese Figuren sehen, werden Sie nie glauben, dass sie aus Pappmachée sind. Die örtlichen Meister machen sie den Holzstatuen, die man aus Mitteleuropa kennt, täuschend ähnlich. Da sind wir auch schon beim lokalen Kunsthandwerk, der „Cartapesta“. Nein, nicht Pestpapier, „pestare“ bedeutet stampfen. Das Papier oder die Pappe wird gestampft um die richtige Konsistenz zu bekommen. Der Kern der Pappmachée-Figur ist ein Drahtgestell, das je nach Größe der Figur entsprechend verstärkt ist. Darum wird Stroh gewickelt, dieses gibt der Figur Form und Silhouette. Die in einem Mehlbrei eingeweichte Pappe dient nun zur Endform. Sie wird um das Stroh gepappt, geformt, Stofffalten der Kleider der Figur werden geformt usw. Die Figur trocknet und kann dann bemalt werden. Extremitäten wie Kopf, Hände und Füße sind der Einfachheit halber aus Ton. Mein persönlicher Favorit wäre irgendwann einmal eine „Natività“, eine Krippe aus Cartapesta von einem Meister…..die Figuren sind erstarrte barocke Herrlichkeiten. Natürlich auch nicht billig, aber auf alle Fälle etwas ganz Besonderes.

Viele der lebensgroßen Heiligenstatuen, die man in den zahlreichen Kirchen des Salento sieht, stammen übrigens aus dem 17. und 18. Jahrhundert und stehen alle noch wie damals.

Und so nähern wir uns dem Osterfest. Der Karfreitag ist hier übrigens kein Feiertag. Und wenn man bedenkt, wie wichtig das Osterfest für die Italiener ist, dann wundert das eigentlich. Aber während in den Straßen der Altstadt die Via Cucis, also der Kreuzweg absolviert wird, oft noch heute von reuigen jungen Männern, die ein echtes schweres Holzkreuz auf dem Rücken schleppen, barfuss laufen und sich mehrere Kilometer bis zur Kirche, sprich der Kreuzigungsstätte, schleppen, tobt in den Strassen daneben der Kaufrausch und der Konsumwahn. Ganze Familien strömen aus den Supermärkten, die Einkaufswagen voll mit „Colombe“, Tauben (der Osterversion des Panettone), Uova di Pasqua (Ostereiern) aller Größen, nicht zu vergessen, Spumante (süßer Sekt) und oben drauf l’agnello pasquale (das Osterlamm – ein halb sitzend, halb liegendes Lamm aus Marzipan – pasta di mandorla, das allein schon ein kleines Vermögen kostet, weil garantiert handgemacht). Das sind die notwendigen Accessoirs auf der Ostertafel!

Zurück zur Via Crucis. Ich war sehr erstaunt von der Innbrunst, mit der die Via Crucis begangen wird. Der Christus wird begleitet von Maria und Maria Magdalena und mehreren anderen Frauen, die ihm die Stirn wischen, ihm zu trinken anbieten. Männer bieten an, ihm das Kreuz abzunehmen. Und dazwischen die Römer, die immer wieder mit Peitschen zum Weitergehen drängen. Es ist, nachdem man das gesehen hat, nicht schwer, sich vorzustellen, dass Mel Gibson hier in Matera (1,5 gute Autostunden von Gallipoli entfernt) seinen Film „passion“ gedreht hat. Vor einigen Jahren, Ostern fiel damals auf Mitte März, war es am Karfreitagabend bitterkalt, Schneeflocken tanzten um die Szenerie. Der junge Mann, der den Christus darstellte, war tatsächlich barfuss und auch alle anderen Darsteller waren entweder ohne Socken, oder barfuss. Ich glaube, man kann den Italienern in vielen Fällen Oberflächlichkeit nachsagen, aber Ostern und die Osterbräuche begehen sie meines Erachtens mit echter Hingabe an die Sache. Der junge Mann wurde vor der Kirche „gekreuzigt“ (ans Kreuz festgebunden) und hing eine lange Stunde am Kreuz. Ich hab’ mich immer gefragt, wofür er wohl um Vergebung bittet, denn das war kein Exhibitionismus. Es waren kaum Leute da und es war wirklich sehr kalt. Das war etwas zwischen ihm und dem Allmächtigen, an den er zweifellos glaubte.

Die Nacht von Karfreitag auf Samstag ist für viele Süditaliener eine Nacht, in der Wache gehalten wird. Bei Rosenkranz und stillem Gebet wird in der Kirche ausgeharrt, draußen ziehen immer wieder Blaskapellen und Heiligenfiguren (meistens die schmerzensreiche Madonna) vorbei und klagen laut. DAS ist nun so ganz anders, als man es aus Mitteleuropa kennt. Man hört die Klageweiber von einst, man fühlt sich zurückversetzt in andere Zeiten, die Nacht tut ein Übriges.

Der Samstag dient der Vorbereitung. In allen Hütten und Palästen, um es mal mit Büchner zu sagen, brodelt und dampft es. Die Signore kneten den Teig für die Pasta, sie frittieren und braten, sie kochen „il sugo“ – ein Name für ein ganzes kulinarisches Himmelreich (für mich jedenfalls). Am Samstagnachmittag wird es still. Man tankt Kräfte für eine weitere Nacht. Und wenn es dunkel wird, dann raunt es durch die Strassen….der Herr wird auferstehen….der tote Christus (entweder richtig vom Kreuz abgenommen oder mitsamt dem Kreuz) wird liegend durch die Strassen der Altstadt getragen. Wieder begleitet von klagenden Frauen, schweigenden Männern und einer jammernden Blaskapelle. Dann aber, nach Mitternacht, passiert das Wunder: Der auferstandene Christus wird auf gerichtet, ein Strahlenkranz von Glühbirnen umleuchtet sein Haupt und die Blaskapelle spielt fröhliche Lieder, Hosianna-Gesänge und, jetzt das Schönste: Er begegnet auf der Strasse zu allererst seiner noch immer trauernden Mutter. Dieser wird flugs ein weißer Schleier umgehängt, als Zeichen ihres Glücksempfindens, ihren Sohn lebend zu sehen. Muss ich jetzt noch erklären, warum die Mutter-Sohn-Beziehung in Italien einfach anders ist?

Also gut. Sie können diesen populistischen, folkloristischen Zelebrationen zugeneigt sein oder nicht. Berühren tun sie auf alle Fälle, wenn man einmal dabei war.

Dagegen ist der Ostersonntag direkt langweilig. Das obligatorische Hochamt, findet meistens erst so gegen 12 Uhr statt (naja, nach SO einer Nacht…), der Kirchenchor, so es einen gibt, frohlockt und es ist wirklich feierlich, gegen 14 Uhr wird getafelt und danach lässt man den Tag individuell ausklingen: Kartenspielen, Verwandte und Freunde besuchen und Colomba, Uovo und Agnello mitbringend, und manchmal auch, sich für den morgigen Ostermontag organisieren.

Ostermontag. Pasquetta (kleines Ostern). Für die süditalienische Natur DAS Horrorszenario schlechthin. Der programmierte Umwelt-GAU. Jeden Ostermontag begeben sich Scharen von Cliquen und Familien, Freunden und Verwandten zum Picknick vor die Haustür. Damit ist ein Park gemeint, ein Wald, in unserem Fall hier ist es auf alle Fälle der erste offizielle Ausflug ans Meer oder ans Haus ans Meer, ich erwähnte es in meinem März-Bericht. Die Lebensmittelläden und Supermärkte sind den ganzen Vormittag geöffnet, damit die Nachzügler (und derer gibt es viele) auch noch einkaufen können. Wenn Sie jetzt denken, dass es sich um ein herkömmliches Picknick mit einem bisschen Brot und Aufschnitt handelt, vielleicht ein paar Würste, fertigem Salat oder so etwas Ähnlichem…na, das ist nur die Vorspeise. Es gibt, je nach Ausdehnung und wer vorbereitet hat von Pasta al Forno (Lasagne oder andere überbackene Köstlichkeiten) zum Braten, schön warm gehalten in Wolldecken, so ziemlich alles was das Herz, pardon der Magen sich wünschen kann. Und dann fährt man mit Sack und Pack zum ausgesuchten Picknick-Ort. Dass dort schon andere zig „Comitive“ – Cliquen weilen und speisen – Nebensache. Man sucht schließlich nicht die Einsamkeit. Sondern nur das Beisammensein in der Natur. Leider ist die Natur davon nicht so begeistert. Denn die Hinterlassenschaften des heuschreckenartigen Einfalls der Menschen hierzulande am Ostermontag sind in den Pinienwäldern, Stränden und Parks noch lange sichtbar…

Es ist unnötig, darüber urteilen zu wollen. Es ist eine Mentalitätsfrage. Die Süditaliener sind zwar stolz auf ihre Landschaft, auf das Meer, aber dieselben sauber zu halten gehört einfach nicht zu ihren Aufgaben. Darum soll sich jemand anderer kümmern. Logische Einwände gelten nicht. Oder besser, sie gelten schon, nur nicht für den jeweiligen Dialogspartner. Vor der eigenen Haustüre ist es mit der Sauberkeit der Italiener vorbei. Die halbherzigen Kampagnen bezüglich des Umweltschutzes und des Erhalts der natürlichen Schönheiten „reden den Menschen hier nach dem Maul“, will heißen, sie bewirken nicht wirklich etwas. Und wer da zu sehr bohrt, macht sich unbeliebt. Viele kleine Komunen haben inzwischen beschlossen, die Mülltrennung einzuführen. Nicht etwa mit dem Argument des Umweltschutzes, des Recyclings kann man hier argumentieren – nein, das Durchsetzen dieses „neuen“ Phänomens verdankt die Umwelt ihrer Wirtschaftlichkeit. Es ist einfach billiger. Und damit waren die Gemeinderäte schnell überzeugt. Die eigenen Bürger brauchen da etwas länger….Immer noch lächle ich bitter, wenn ich nach Hause fahre und die großen Müllcontainer, die längs der Strasse am Meer stehen, weil sich dort die Mülltrennung schon wegen der wenigen Einwohner nicht lohnt, voll sind. Alle haben beim Sonntagsspaziergang ans Meer gleich schon mal bequemerweise ihre Mülltüte zum Entsorgen hierher gebracht….Freunde und Bekannte trösten mich: „Wir brauchen einfach länger. Wir sind da nicht so wie ihr Deutschen. Es ist schrecklich, aber es ist so.“ Italienischer Fatalismus. Bleibt einem nur, mit den Schultern zu zucken. Pazienza – Geduld.

Die letzten Jahre zeigen übrigens eine Veränderung in der Tradition. Man organisiert das Ostermontags-Picknick lieber im Haus am Meer. Da wurde in den vergangenen Wochen und Tagen schon Frühjahrsputz betrieben (März-Bericht) und nun können die weiten Flügeltüren geöffnet werden, Tische werden aneinander gereiht und es kann los gehen mit dem Getafel. Meist steckt dem Haus der Winter noch in den Knochen, besser in den Wänden und es ist unangenehm kühl, aber das tut der Picknicklaune keinen Abbruch.

Dieser Ostermontag war übrigens total verregnet. Das hat der Natur richtig gut getan…! Auch wenn das obligatorische Picknick dafür am ersten Mai nachgeholt wurde.

Eine weitere Brücke im April ergibt sich am 25. des Monats. An diesem Tag wird in Italien das Ende des Faschismus und die Befreiung des Landes von ebendiesem gefeiert. Dabei gelten besonders die „Partigiani“, die italienischen Widerstandskämpfer, die noch immer mit ihren 80 und mehr Jahren bei den Paraden mit marschieren und sich feiern lassen als Volkshelden. Weniger feierlich, dafür um so volksnaher, gibt sich dieser Tag im Süden am Meer. Während Politiker und weitere Würdenträger Reden und endlose Paraden in Schlips und Kragen über sich ergehen lassen müssen, zieht es die Süditaliener ans Meer. Mal sehen, wie warm das Wasser schon ist, ein erstes, zaghaftes „grosser-Zeh-Bad“ gehören zum 25. April wie die Partigiani.

Und so geht der April ins Land. Inzwischen blüht alles. Das Land ist so grün, dass das Auge die vielen Nuancen nicht mehr unterscheiden kann. Man sollte diesen Anblick genießen. Er wird nicht lange dauern. Denn schon in einem Monat kann es so heiß sein, dass die grünen Wiesen und Felder gelb werden und dann braun….

Lesen Sie bald: Der Mai ist gekommen….und das Hochzeitsbusiness in Süditalien…Ausserdem: Tag der offenen Palazzo-Höfe in Lecce…

Donnerstag, 7. Mai 2009

V-DAY IN SALENTO

Am 23.05.2009 Peace-Day der jungen Leute von Repubblica Salentina (siehe Februar-Beitrag) in Lecce.

Nähere Infos dieses Wochenende hier oder über meine E-Mail Adresse.

KOMMT IN SCHAREN!!!
Enjoy Salento in May and take part in the World's biggest Peace-Day!!!!!

Kisses

Claudia

Samstag, 7. März 2009

An die Frauen

Liebe Freundinnen,

heute morgen in der Schule hatte ich Unterricht in einer 12.Klasse der touristischen Fachschule. Sie glauben nicht, was da auf dem Lehrerpult lag, mit der Anschrift:
"An die Frauen" Hier die Übersetzung der Poesie meines Schülers Matteo Fuso, 18 Jahre aus Sannicola bei Gallipoli:

"Die Frauen"
Die Frauen sind unser Kreuz und sie sind die einzige Kur für unsere Schmerzen.
Sie sind der erste Gedanke bei unserem Aufwachen und der letzte,der uns in den Traum wiegt.
Die Frauen sind unser Wunsch und sie sind es, die uns zu Männern machen.
Ihretwegen stellen wir uns Monstern und feuerspeienden Drachen.
Und wir verzweifeln, wenn sie sie uns vorziehen.
Die Frauan kurieren unsere Wunden.
Sie folgen uns und die unterstützen uns.
Sie vertrauen uns, wenn alle uns den Rücken kehren.
Ohne sie wären wir nichts.
Die Frauen sind Schönheit und Inspiration...
Süsser Fluch...die Frauen...die andere Hälfte unseres Herzens...die Frauen....Freundinnen. Objekt unserer Liebe
Herzlichen Glückwunsch zum Frauentag, ihr Frauen.

Sag' noch einer, die Jugend sei nicht mehr poetisch.....
Ich habe Matteo um Erlaubnis gebeten, die Übersetzung posten zu dürfen....ich werden mich bemühen, seinen Link hier herein zu stellen.

Grazie Matteo. Im Namen aller!

Einen schönen 8. März, liebe Freundinnen!
Claudia

Montag, 16. Februar 2009

Frühling im Salento


März

Woran denken Sie, wenn Sie “MÄRZ“ hören? Also ich habe immer das schwäbische Volkslied: „im Märzen der Bauer die Rösser einspannt. Er setzt seine Felder und Wiesen instand….“ im Kopf. Ja, ich weiß, dass ich damit ein paar befremdete Blicke auf mich ziehe, aber ich kann nichts machen. Das Lied ist für mich der Inbegriff dessen, was „den Winter verabschieden und den Frühling begrüßen“ heißt.

Die salentinischen Bauern würden darüber lächeln. Ihre Arbeit auf den Feldern ruht eigentlich nie, außer vielleicht im Hochsommer. Schon im Januar werden Kartoffeln gesetzt. Im Oktober-November-Dezember werden Oliven geerntet und im Januar werden die Bäume gestutzt. Im hiesigen Dialekt sagt man dazu „mungere gli alberi“, also „die Bäume melken“. Wahrscheinlich rührt das daher, dass für die zweite Hälfte des laaaaangen salentinischen Winters noch mal so ordentlich Holz gemacht wird. Die typische Vorher-Nachher-Kur für die Bäume. Im November sind die Olivenbäume fast schwarz vor Oliven. Die Äste hängen schwer und tief von der Last ihrer reifen schwarzen Früchte. Dann, je nach Wind und Wetter, fallen sie auf den Boden und die Äste richten sich, von ihrer Last befreit, wieder auf. Man kann richtig sehen, wie sie die Äste wieder himmelwärts strecken. Man meint, sie schütteln sich und sagen: „Das wäre wieder einmal geschafft“ und strecken ihre Rücken wieder senkrecht. Dann ist für sie erst einmal Vegetationspause. Und dann kommt, im „tiefen“ salentinischen Winter, der „Munnatore“, der Melker. Er setzt die Säge an und befreit die alten knorrigen Gesellen von ihren Wildwüchsen und anderen Ästen. Ich habe noch nicht so genau verstanden, mit welchem Kriterium geschnitten und gesägt wird, aber grob gesagt, was aus der Reihe tanzt, muss runter. Heute nimmt man dazu natürlich eine Kreissäge, wenn sich’s lohnt, aber die meisten Äste sind nicht so dick, als dass man sie nicht auch von Hand heruntersägen könnte. Wenn ich so darüber nachdenke….wir haben uns bisher noch nicht zugetraut, selbst Hand an zu legen. Das heißt, halt, doch, einmal: Ganz am Anfang, vor – na, dass ist jetzt auch schon 10 Jahre her: Da bin ich in meinem jugendlichen Leichtsinn auf den Baum geklettert und hab’ angefangen zu sägen. Bis ich hinter mir einen Bauer brüllen hörte:
„Aufhören! Das kann ja kein Christ (echt, er sagte „CHRIST“) mit ansehen, was du da aus dem Baum machst…“ Seitdem hab’ ich mich nur noch mit der Gartenschere an meine unwichtigen Zierpflanzen gewagt. Da hat auch nie einer gebrüllt….Zierpflanzen ist hier was für Weiber und Weicheier. Naja, wenn Sie bedenken, dass die Nutzbepflanzung aller Art die Bevölkerung hierzulande sozusagen am Leben erhielt, ist das auch nicht so schwer zu verstehen. Selbstredend findet man jetzt in allen Gärten, Vorgärten, Villen und Stadthäusern auch wunderschön angelegte Gärten und Zierpflanzensammelsurien. Aber dem Bauern braucht keiner mit ‚ner Blume zu kommen, die man nicht essen kann. Das ist Schnickschnack und dafür würde er sein kostbares Wasser nie verschwenden. Worauf ich hinaus wollte: Die Kunst, Olivenbäume zu beschneiden, lernt man wohl von Generation zu Generation. Die Bauern machen darum einen Riesenwirbel, so als bräuchte man weiss-gott-wieviel Erfahrung….Dabei liegt meines Erachtens das Geheimnis darin, die Äste so zu trimmen, dass man es im nächsten Herbst bei der nächsten Ernte leichter mit dem Ernten hat. Die Olivenernte ist in allen Regionen Italiens unterschiedlich. >Aber da greife ich wieder vor….davon im Herbst mehr.

Ich schweife wieder einmal vollkommen vom Thema ab: Wir waren beim Frühling. Bitte verfallen Sie nicht dem Irrtum, den salentinischen Frühling mit der Mandelblüte in Verbindung zu bringen. Was die Reiseveranstalter da immer von sich geben, ist eigentlich unkorrekt. Die Mandelblüten sind Vorboten des Frühlings mitten im salentinischen Winter. Sie gehören zum Februar. Wenn sie ausblühen, dann strecken die Mimosen im floralen Staffellauf ihr Kanariengelb in die Sonne. Die grauen und kühlen Märztage verblassen hinter dem grellen Zitronengelb ihrer Blüten, die in winzigen knallgelben Bällchen dichtgedrängt, so dass es wie eine einzige gelbe Blüte wirkt, am Baum hängen. Dann gibt es keinen Zweifel mehr, der Winter ist wieder einmal besiegt. Dann kann man im Salento beginnen, ins Ferienhaus am Meer zu fahren, um mal ordentlich durchzulüften, später im Monat werden dann ganze Putzheere am Meer gesichtet, die Matratzen werden vor die Tür in die Sonne gestellt, es wird Licht, Sonne und Wärme hineingelassen, in die ach zu lange Zeit verschlossen gehaltenen Ferienhäuser. Diese Reinigungsaktionen, der typische Frühjahrsputz, konzentriert sich natürlich auf die Tage vor Ostern oder der Karwoche. Denn an Ostermontag spätestens wird das Haus wieder mit Leben erfüllt sein, aber das ist eine andere Geschichte und gehört in den April.


Apropos April: Wie sagt man im Deutschen? April, April, der macht was er will. Die Italiener haben dasselbe Sprichwort für den März. Und nirgends trifft es so zu wie im Salento: „Marzo pazzarello, guarda il sole e prendi l’ombrello“. “Verrückter März, du siehst die Sonne und nimmst den Regenschirm.”


Die Großwetterlage sieht für den Frühlingsanfang häufig Stürme vor. Und dann sollte man eigentlich nicht arbeiten müssen……Es ist herrlich, am Strand entlang zu wandern und sich den kräftigen Wind um die Nase wehen zu lassen…Oder danach…wenn sich der Sturm gelegt hat, Strandgut sammeln gehen. Was man nicht alles findet am Strand……wir sind immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Baumstämmen oder Ästen. Aber auch was sonst so angespült wird, ist manchmal interessant. Früher, bis in die 90iger Jahre, hat man regelmäßig ganze Kartons voller durchweichter Zigaretten gefunden. Schmuggelgut, das über Bord gegangen ist, wenn die Polizia di Finanza hinter den Schmuggelbooten her war. Das hat sich aber gegeben. Dafür finden wir jetzt Kleidung, die vielleicht von Flüchtlingen „clandestini“ stammt. Weniger aufregend, eher tragisch.


Anfang März begehen wir Frauen überall auf der Welt den 08. März, den internationalen Frauentag. Aber in Italien ist alles ein bisschen anders. Schon der Tag heißt in Italien anders: Festa della Donna. Das Frauenfest. Und an einem Tag, an dem überall auf der Welt für mehr Rechte der Frauen protestiert, demonstriert, konferiert wird, wird in Italien gefeiert. Was, das bleibt dahin gestellt. Wahrscheinlich, dass es uns gibt. Schon morgens gibt es am Arbeitsplatz und sogar in der Schule kleine Mimosensträußchen. Unzählige Bäume müssen dafür ihre blühenden Äste lassen. Die Herrenwelt beschenkt die Damenwelt, unabhängig welches Alter und Stellung. Abends laufen die Damen dann in Hochform auf. Sie solidarisieren sich (wehe, wenn sie losgelassen…) und schwärmen in Lokale, Restaurants und Diskotheken. Dort werden ihnen mehr oder weniger erotische Spektakel geboten: Männerstrip, Oben-Ohne-Bedienung (männlich) usw. Einmal im Jahr so richtig die Sau rauslassen, dazu wird der Frauentag – pardon, das Frauenfest in Italien benutzt. Ich geb’s zu, ich stehe dem Ganzen sehr kritisch, um nicht zu sagen feindlich gegenüber, schließlich stamme ich aus der Generation, die noch Mahnwachen für mehr Gleichberechtigung hielt. Aber das ist den Damen hier wurscht! Einen drauf machen, und zwar ordentlich! In den Lokalen herrscht bis Mitternacht Herrenverbot, bis auf die Protagonisten natürlich und frau ist unter sich. Dass sich einige Damen der Schöpfung der Politik fernab ihrer Realität daran erinnern, dass sie eigentlich für mehr Rechte der Frauen einstehen müssten, einige Reden halten und sich grüppchenweise versammeln, um das kundzutun….ist den Damen hier egal. Für sie hat sich in den letzten 30 Jahren so viel geändert, dass kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Die Situation der Mädchen und Frauen hat sich absolut angeglichen an die, Mitteleuropas. Ich denke, dass dies der Verdienst der vorangegangen Generationen von Frauen war, die das übertriebene Patriarchiat satt hatten. Denn....

Noch Anfang der 70ger Jahre war der Salento von den mitteleuropäischen Gepflogenheiten noch sehr weit entfernt. Die Mädchen wurden viel mehr kontrolliert, allein auszugehen, sich mit Freunden, der Clique oder gar dem Freund zu treffen, galt schon fast als Kaiserrebellion gegenüber den Eltern. Der Vater hielt mit eiserner Faust die schützende Hand über seine Töchter. Er war schließlich ein Mann und wusste genau, zu welchen Schandtaten die Herren der Schöpfung fähig waren. Wichtig war, die Tochter ehrenvoll unter die Haube zu bringen. Sie hätten mal versuchen sollen, ein offiziell verlobtes Pärchen in den 80iger Jahren alleine einzuladen. Nichts zu machen. Wäre fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Immer wäre ein kleiner Bruder, eine kleine Schwester, oder wenn nicht vorhanden, eine Tante dabei gewesen. Der so genannte Anstandswauwau. Sie lachen? Nein, glauben Sie mir, das war hier auf dem Land wirklich üblich! Es ging schließlich um den guten Ruf der Tochter. Glücklicherweise waren vor allem die jüngeren Geschwister leicht bestechlich und wurden auf eine oder mehrere Eistüten weggeschickt. Die hiesigen „Fidanzati“, die Verlobten, waren sehr einfallsreich, um doch ein bisschen alleine sein zu können. Das war eine Art Volkssport: „Tricks den Papa aus“.

Die 70iger-Jahre-Töchter wurden also geheiratet, oft war es der erste ernstzunehmende Freund, der mehr oder weniger gezwungenermaßen zum Ehemann wurde. Wenn herauskam, dass sich zwischen zwei jungen Leuten etwas anbahnte, stellte man Nachforschungen an, wer er oder sie war, ob sie ehetauglich waren (damit war die Aussteuer der Frau und möglichst eine Immobilie des Mannes gemeint). Dann wurde offiziell verlobt, d.h., man durfte zur Freundin nach Hause, man war offiziell registriert. Das führte meist zur Ehe, oft wussten die jungen Leute gar nicht so genau, wie ihnen geschah. Oder sie waren einverstanden, denn das war die einzige Möglichkeit, alleine zu sein, in Ruhe und ganz legal Sex zu haben und dem strengen Elternhaus endlich zu entfliehen. Leider stellte sich heraus, dass das die erste Wahl nicht immer „die erste Wahl“ war. Die Ehen waren zwar mit Kindersegen beschenkt, nicht immer aber mit lange währendem Eheglück. Wenn man nun bedenkt, dass Scheidung in ihrer heutigen Form erst seit 1975 möglich ist, kann man verstehen, dass die Scheidungsrate im Salento in den 70ger und 80ger Jahren nicht gerade hoch war. Das wäre zuviel Schande für die ganze Familie gewesen, die Kinder wären diskriminiert worden usw. Also hielt man nach außen den Schein aufrecht, aber in nicht wenigen salentinischen Ehen lebte man de facto getrennt von Tisch und Bett. Erst seit den 90iger Jahren sind vermehrt Geschiedene zu verzeichnen. Das Outing hat begonnen, steil ansteigende Bildung und abfallender Einfluss der katholischen Kirche unter den jungen Generationen führt dazu, dass die Scheidung hier kein Fremdwort mehr ist. Dennoch zeigt die Statistik, dass es im Süden Ehepartner über 45 sind, die die Scheidung wollen. Sie warten, bis die Kinder aus dem Haus, oder zumindest groß sind. Weiter geht aus den Statistiken hervor, dass es immer noch die Ehemänner sind, die hier im Süden die Scheidung anstreben. Das hat nichts damit zu tun, dass die Frauen eine glücklichere Ehe führen, sondern dass sie konkrete Existenzängste haben, denn immer noch ist es üblich, dass die Frau sich um Haus und Kinder sorgt, also ist sie „raus aus dem Beruf“, so sie je einen hatte, und zwar für lange Zeit. Ein weiterer Punkt ist, dass sich hier vermehrt gut gebildete Ehepartner trennen. Die wenig gebildeten stehen oft mehr unter kirchlichem, elterlichem, sozialen Einfluss und optieren für die herkömmliche Lösung: Jeder macht sein Ding, aber man bleibt offiziell zusammen. Das hat sicherlich auch mit den beschränkten finanziellen Möglichkeiten zu tun.

Eine weitere seltsame Art, ein Paar zu bilden, war, mit einander wegzulaufen und eine Nacht außerhalb des Elternhauses zu verbringen. Danach kehrte man zurück, ließ sich ein bisschen verprügeln und wurde, um die Ehre wieder herzustellen, umgehend und ohne lange Vorbereitungen vermählt. „…se ne so’ fusciuti“. War das Schlagwort. „Sie sind abgehauen“. Wie viele, vor allem sehr arme Ehen, wurden auf diese Weise im Laufe der letzten Jahrhunderte geschlossen….damit umging das junge Paar die Nachforschungen, bei denen sich herausgestellt hätte, dass er nichts hat und sie noch weniger. Da wäre die Verbindung verhindert worden. So aber, war’s egal. Der Ehre musste Genüge getan werden. Man weiß heute, dass viele Ehepaare diesen Weg wählten, um auch ihren Eltern Geldnot zu ersparen. Denn eine richtige Hochzeit auszurichten wäre für sie gar nicht möglich gewesen. Eine „Reparationshochzeit“ bestand aus der Trauung und wenn’s hoch kam einer Flasche Sekt! Selbst das weiße Brautkleid war glücklicherweise nicht mehr angebracht, man heiratete einfach im Sonntagsstaat.

Heute ist das alles anders. Die Ehen werden immer später geschlossen und wenn geheiratet wird, dann aber richtig. Davon aber mehr im Mai.


Der März ist für ein bestimmtes Fest charakteristisch. Die Italiener feiern am 19. März SAN GIUSEPPE, den Heiligen Josef. Damit stellt sich heraus, dass der Vatertag in Italien nicht am selben Tag wie in Deutschland gefeiert wird. Er wird, dem liturgischen Kalender folgend, eben am 19. März begangen.

In vielen Piazze der Dörfer und Städte im Salento werden an diesem Tag die „Tavole di San Giuseppe“, „die Tische des Heiligen Josefs“ hergerichtet. Die Tradition will, dass diese Tische von allen Bewohnern des Ortes reich beladen mit allen möglichen kulinarischen Köstlichkeiten aufwarten. Und früher wurden so die Armen einmal während der Fastenzeit zum opulenten Mahl gebeten. Die Armen wurden gespeist, so wie der Heilige Josef es sich auf der Wanderschaft für sich und seine entstehende Familie gewünscht hätte. Die Tische muten in ihrer Zahl ein bisschen kabbalistisch an, denn zu Tisch wurden immer nur 10 Personen gebeten, und 3 Plätze wurden mitgedeckt, aber freigelassen, denn die waren für die heilige Familie reserviert. Vor langer Zeit war es sogar üblich, dass 13 verschiedene Gerichte pro Tischgefährte serviert wurden, für jeden der 12 Apostel und Jesus eines.

Alles, was an diesem Tag auf den Tisch kommt, nennt sich „des heiligen Josefs“. Nicht, weil er ein exzellenter Koch war, dass ist uns nicht überliefert, sondern weil es speziell an diesem 19. März die Gaumen erfreute. So da sind: „la massa di San Giuseppe“ (Kutteln, Kichererbsen und Kohl), das San Giuseppe-Brot, verschiedene gekochte Blattgemüse, Süßes mit Honig und Semmelbröseln, Saubohnenpüree, Fisch mit Soße (frittierter Fisch mit Semmelbrösel und Essig), Lampascioni (eine hier heimische kleine, sehr bittere aber köstliche Zwiebelart), die omnipresenten, immer feinen Pittule und, dulcis in fundo: Zeppole! Kommen Sie ja nicht in den Salento und probieren Sie nicht die Zeppole. Jetzt muss ich dazusagen, dass ich ein besonders hartnäckiges Leckermaul bin, aber man darf den März nicht ohne wenigstens eines dieser süßen Stückchen herumbringen. Es handelt sich um eine Teigart wie den Berliner, aber mit einem großen Loch in der Mitte. Dieses ist voller Crema pasticciera (sagen Sie ja nicht "Pudding" dazu!!!!), besonders fiese Pasticcieri umgarnen das Ganze sogar mit einem kleine Kranz Sahne….die Teigstückchen sind frittiert, bevor die Crema hineingefüllt wird und mit Zucker und Puderzucker bestäubt. Ich hab’s noch nicht geschafft, so eine Zeppola zu essen, ohne dass man es mir danach ansieht, aber ich übe fleißig weiter!

Italiens WEISSE NäCHTE!

Ja, jetzt ist der Winter noch nicht sooooo lange vorbei, dass man bei „weiss“ nicht an Schnee denken könnte. Da sind Sie aber ganz auf dem Holzweg. Die weißen Nächte häufen sich, je wärmer es wird. Der Begriff stammt von einem geflügelten Wort „fare la notte in bianco“- „eine Nacht in Weiß verbringen“, d.h. nicht schlafen können.

Mit anderen Worten, viele kleinere und größere Gemeinden, nicht nur im Salento, sondern in ganz Italien haben sich auf die Fahnen geschrieben, Einheimische und Touristen glücklich zu machen, in dem sie ihnen eine „weiße Nacht“ bescheren. Sleepless in Lecce…Lecce schickt sich an, dieses Jahr schon die 2. weiße Nacht am 14. März zu begehen und sicherlich wird es auch im Sommer eine geben.

Die Veranstaltung „Notte bianca“ steht für ein gigantisches Straßenfest, dass obligatorisch bis in die Morgenstunden dauert und mit einem Cappuccino und Cornetto nach Morgengrauen endet.

Schon im Dezember gab es eine weisse Nacht in Lecce, sogar mit dem Special Event der kanadischen Truppe des Cirque du Soleil mitten auf der Piazza Sant’Oronzo Am langen Wochenende des 08. Dezembers, il ponte dell’Maria Immacolata, der Unbefleckten-Empfängnis-Brücke (Brücke im Sinne von langem Wochenende), kam in Apulien eine nie dagewesene Initiative zur Welt: die NIGHT PARADE. Der Titel ist sicher eine Wort-Entlehnug von Love Parade. 100 Spettacoli (also 100 Veranstaltungen. an einem langen Wochenende).

Unter den Augen des Stadtheiligen Lecces, San Oronzo, ergab seine nach ihm benannte Piazza eine fantastische Kulisse für ein nie-hiergewesenes Spektakel des Cirque du Soleil. Leider war die Piazza so dermaßen voll, dass man zum Atmen nach „Draußen“ gehen mussten. Die Tagesschauen am Tag danach sprachen von über 70 000 Menschen in Lecce, die der Show zusehen wollten. Und mehr noch: An insgesamt 5 Tagen befanden sich die Provinzhauptstädte Foggia, Bari, Taranto, Brindisi und Lecce im nächtlichen Ausnahmezustand. Man muss sagen, dass die Initiative ein voller Erfolg war, wenn auch vorwiegend für die heimischen Nachtschwärmer….

Das ganze hat auch eine Stange Geld gekostet, die „Notte Bianca“, also Musik, Theater, Tanz die ganze Nacht hindurch, hat die besondere Eigenschaft, dass sie von den jeweiligen Gemeinden bezahlt wird. Ebenso die teuren „Show-Perlen“. Alles gratis für die Zuschauer! Unglaublich? Nein, ein Versuch, den Tourismus aus den kanalisierten 2-3 (maximal) Sommermonaten über’s Jahr zu verteilen. Die Region Apulien will sich als mehr als nur als Bade-Region etablieren. „2 Monate Saison sind für dieses herrliche Land zu wenig.“ Gesagt, getan. Ein unglaubliches Aufgebot an Stars, nationalen Sängern und Gruppen „erhellte“ die langen salentinischen Nächte.

Kritiker meinten, dass angesichts der riesigen Schwierigkeiten, mit der Apulien und der Rest der Welt im neuen Jahr zu kämpfen haben werden, so eine Verschwendung fast schon unmoralisch sei. Dem kann man aber so nicht beipflichten, war dieses Event doch von sehr langer Hand geplant und die Künstler schon Monate im Voraus verpflichtet. Ob es letztendlich den gewünschten Effekt gebracht hat, bleibt, wie so vieles in Italien, im Dunkeln. Zumindest die Lecceser Geschäftsleute waren laut Lokalzeitung zufrieden. Ihre Geschäfte waren teilweise die ganze Nacht hindurch geöffnet, und es gab „Offerte Speciali zur Immacolata“.

Nun gibt’s eine Frühlings-Zugabe: Programme sind noch nicht verfügbar, sicher ist aber, dass eine milde Nacht auf alle Fälle an das Dezember-Ergebnis, was die Besucherzahlen betrifft, heranreichen könnten.

Canti di passione

Es gibt im Salento eine weitere Tradition, die sehr gepflegt wird und die, trotzdem die Religion an sich und auch hier immer weiter in die Mäander der Zeit zurückfällt, weiter lebt. Die Passionsgesänge, Leidensgesänge, besingen auf poetische, sowie folkloristische Weise das Leben, Leiden und Sterben Christi. Wie in Mitteleuropa der Advent als vorweihnachtliche Zeit besonders wichtig ist, so ist es hier die österliche Zeit. Ostern ist als Kirchenfest viel wichtiger als in Mitteleuropa und wird mit unzähligen Prozessionen und Riten begangen. Dazu gehören eben auch die Passionsgesänge, die es in ganz Mittel- und Süditalien gibt und die hier bereits 4 Wochen vor Ostern beginnen, ihre traurig-schönen Lieder in den Kirchen zu singen. Leiden kann man hier gut. Es ist der Ausdruck von Liebe, von besonderen Gefühlen, die ausgedrückt und zelebriert werden. Dazu eben gehören auch die Canti di passione. Gleichzeitig aber drücken sie auch starke Hoffnung aus, die Zukunft wird das Licht bringen, Christus wird auferstehen. Der menschliche Schmerz des Christus wird zu göttlichem Licht. Was gibt’s Schöneres zu Beginn des Frühlings?

Dienstag, 10. Februar 2009

Schnee im Salento

Liebe Blog-Freunde,

soeben habe ich die Wettervorhersagen für den Rest der Woche gelesen und siehe da....vielleicht ist sie ganz nah, die "weisse Nacht". Von Freitag auf Samstag den 14.02.09 soll das Thermometer sinken. So weit, dass es Schneeregen oder gar Schnee in den höheren (wo eigentlich, der Salento ist fast so platt wie 'ne Flunder....) Lagen geben könnte. Harren wir also der Dinge, besser der Flocken, die da kommen. Sicher ist, dass ich Donnerstag erst mal alle meine kleinen und empfindlichen Pflänzchen reinstellen werde. Sicher ist sicher! Warum ich mich so freue??? Na, danach ist zappa mit Winter! Danach geht's aufwärts, dem Frühling entgegen!
Ich werde Euch auf dem Laufenden halten und eventuell Fotos machen!

Baci
Claudia

Sonntag, 8. Februar 2009

Winter im Salento


Februar

Dem Kalender nach ist Februar ein Wintermonat. Und der Regel nach ist der Februar im Salento auch tatsächlich der kälteste Monat im Jahr.

Trotzdem….man spürt, der Frühling ist nicht mehr weit! An manchen Abenden, an denen man sich noch unterwegs findet, kann man es riechen. Wissen Sie, ein leicht modriger Geruch. Und doch, so ganz „hinten“… Frische. Die Tage werden länger im Februar. Es dämmert nicht schon um halb fünf, nein, bis nach 18 Uhr ist Licht, das allein schon kündigt ihn an… es kann sein man kommt irgendwann um 18.30 Uhr völlig fertig von der vielen Quatscherei des Maestro aus dem Friseurgeschäft und duftet stark nach Haarspray und da ist er dann.…der Frühling. Er „überduftet“ sogar den Haarspray…Die Luft ist an manchen Abenden milder. Und die Mandelbäume recken ihre knorrigen, zerbrechlichen Äste in den Himmel und aus den kahlen, bizarren Astformen schieben sich zartrosa Blüten. Filigran und zerbrechlich auch sie. Man kann sie kaum anfassen, schon fallen sie ab und segeln zu Boden. Aber im Halbdunkel leuchten sie. Sie „leuchten“ sozusagen den Frühling ein. Sie trotzen eisiger Frühjahrsstürme und vereinzelten „gelate“ – nein kein Speiseeis, sondern der gefürchtete Frost, der die Halbinsel bisher vielleicht sogar verschont hat. Wenn der Frühling längst nah ist, ist der Winter am Nächsten. So als wüsste er, dass er das Feld räumen muss und dann schlägt er an manchen Tagen noch mal so richtig zu. Apropos Feld: Die Bauern haben längst die Kartoffeln gesetzt und ein heftiger Nachtfrost kann die Pflänzchen natürlich erheblich dezimieren. Wussten Sie, dass die Sieglinde-Kartoffel und die Nicola-Kartoffel aus dem Salento stammt? Sie werden Ende Januar gesetzt und im Mai geerntet.

Mit den ersten Frühjahrsanzeichen sterben auch vermehrt die alten Menschen im Dorf. Eigentlich seltsam, nicht? Man möchte meinen, sie wollten den Winter nicht erleben, aber nein, der herannahende Frühling nimmt ihnen die Kraft zum Leben. Dann sind die Anzeigetafeln im Dorf voll von Todesanzeigen. Sie ersetzen den Lokalteil der Zeitung. Lecce ist weit, wenn’s um Persönliches geht, die Todesanzeigen müssen schnell aufgehängt werden, schließlich kommt der Tote spätestens 24 Stunden nach seinem Tod bereits unter die Erde. Diese Anzeigtafeln stehen längsseits mehrerer Straßen, die Leute verlangsamen ihre Fahrt und lesen, wer in der letzten Nacht von uns gegangen ist.

Der Februar ist natürlich auch der Karnevals-Monat. Man darf sich den Karneval hier nicht als traditionsgeladene Maskenshow wie Venedig oder gar den schwäbisch-alemannischen Fasching vorstellen. Trotzdem wird in die Umzugswagen von Gallipoli ein ganzes Jahr Arbeit gesteckt, je größer, desto besser und je aktueller desto besser. Wie im rheinischen Karneval behandelt der italienische politische Themen lokaler und nationaler Bedeutung. Karikaturen und Satire in gigantischen Pappmachée-Figuren, die an zwei Nachmittagen durch die Strassen gefahren werden und in einem Wettbewerb bis auf den letzten Narren das Publikum erfreuen. Dann werden die Mädchen als Prinzessinnen und die Jungs als Cowboys verkleidet und man geht „dai carri“ – zu den Wagen – gemeint ist der große Festumzug. Aber darüber hinaus ist der Salent nicht besonders karnevalsverrückt.. Es gibt Themenabende in den Discotheken und Tanz auf dem Marktplatz, aber das war’s eigentlich auch schon.

Naja, jedenfalls hoffen alle darauf, dass das Wetter besser wird. Waren Sie schon einmal während des Winters in Süditalien? Nein? Na, dann ziehen Sie sich mal warm an!

Man kann es sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass man in Süditalien bei lauen 14 Grad Plus frieren soll….schon gar nicht in der Wohnung! Aber der Salento weist eine Besonderheit auf. Er ist fast wie eine Insel von allen Seiten von Meer umgeben. Und genau das macht die Sache anders: Es ist schrecklich feucht. Die Feuchtigkeit kriecht einem in die Kleidung und unter die Haut. Die Kleidung ist bei Scirocco klamm, das Haar sitzt nicht und kraust sich, es ist während des Tages draußen immer milder als im Haus. Noch so eine Kuriosität: Zwiebellook ist immer gut. Draußen um sich auszuziehen. Und drinnen umgekehrt! Die im Sommer so gesegneten Steinfußböden, gefliest oder Naturstein, die die Kühle den ganzen Tag über an den Raum abgeben, der sich sonst sicher zum Backofen aufheizen würde…im Winter tut er leider genau dieselbe Funktion!

Überhaupt: Es ist kalt in süditalienischen Behausungen. Das liegt auch an der nachlässigen Bauweise. Ich kann das ja auch verstehen. In Mitteleuropa muss man mit 8-10 Monaten Kälte rechnen, hier ist es umgekehrt. Der Winter dauert von Dezember bis März, höchstens! Es schneit so gut wie nie! Ausnahmen bestätigen freilich die Regel, einmal im Jahr gibt’s auf der salentinischen Halbinsel immer eine „weiße Nacht“, was sich nicht auf die im Dezember-Kapitel beschriebenen Event-Nächte bezieht, sondern auf sehr seltenen Schneefall, der dann in der Morgensonne auch schon wieder geschmolzen ist.

Nun – wer sich die Klimazonen-Landkarte vornimmt, wird bemerken, dass sich der Salento schon im subtropischem Klima befindet. Das bedeutet heiße, trockene Sommer und milde, regenreiche Winter. REGENREICH kann ich, was diesen Winter anbelangt, getrost GROSS schreiben. Es regnete seit Anfang November fast ununterbrochen. Und dann wird’s natürlich richtig ungemütlich…selbst die neueren Behausungen beginnen zu schimmeln. Das liegt zum Einen selbstredend daran, dass entsprechend wenig isoliert gebaut wird. Zum Anderen aber auch daran, dass ungenügend geheizt wird. Wenn man die Heizölpreise sieht, denkt man sich seinen Teil und versteht das auch. Aber in vielen Wohnungen und Häusern ist gar keine Zentralheizung vorgesehen…Die alten Häuser in den Dörfer heizen mit ihrem guten alten Kamin. Der wird gegen Abend angeheizt und hält die Wohnküche den ganzen Abend warm. Das Wohnzimmer wird eh’ nicht benutzt (siehe November-Kapitel) und die Schlafzimmer bekommen Heizdecken über die Matratze, das geht auch!

Die jüngeren Generationen mögen’s da schon auch eher kuschelig, aber den ganzen Tag eine leere Wohnung zu beheizen, damit man’s abends schön warm hat….“ma neanche per idea“ – daran denkt man doch nicht im Traum!!! Nein, da sind sie sparsam, die Salentiner! Nicht umsonst wird Ihnen beim Schlendern über den Markt oder beim Stöbern in Boutiquen und Kaufhäusern während der Wintermonate auffallen, dass es fast ausschließlich Wollpullover oder Wolljacken gibt. Damit würde man es in Mitteleuropa in keiner normal beheizten Wohnung aushalten! Aber hier tut das gut! Selbstgestrickte Wollsocken mit inbegriffen! Und ist billiger, glauben Sie mir!

Erst jetzt während der Weihnachtsfeiertage sprach ich mit einem befreundeten Paar, beide eingefleischte Salentiner, die aus beruflichen Gründen in Biella, nördlich von Turin leben. Sie sprachen über die so verschiedenen Lebensweisen der Norditaliener. Giampaolo bemerkte: „Es ist unglaublich, wie die Norditaliener heizen! Wir haben eine Wohnung in einem Hochhaus, mit zentralgesteuerter Heizung. Wir reißen erst mal alle Fenster auf, wenn wir abends heimkommen. 24 Grad in der Wohnung, das ist doch krank! Und es macht krank! Man kann sich doch was überziehen!“ Na, ich nehme an, dann ginge es ihm nördlich der Alpen genauso! Man muss freilich überlegen, ob er nicht ganz unrecht hat, angesichts der Krise, der weiter steigenden Heizölpreise, des gepredigten Klimaschutzes…

Na jedenfalls kommen die Salentiner auch so langsam darauf, dass ihre Region sonnengesegnet ist! (Nicht diesen Winter, aber das hatten wir ja schon). Nachdem im Jahre 2007 endlich auch Italien dem Klimaschutzpaket zustimmen musste, gibt es auch hier Subventionen für Fotovoltaikanlagen.
Genauer gesagt, es gab sie schon früher, aber damals war das ein großes Risiko, den italienischen Staat zum „Partner“ zu haben. Man selbst musste die ganze Investition tätigen und wenn dann in dem Pott noch Geld übrig war, dann bekam man eventuell was von dem Kuchen ab….darauf hatte sich natürlich keiner eingelassen. Seit 2007 aber gelten europaweite Regelungen auch hier. Die Mühlen der italienischen Bürokratie mahlen natürlich etwas langsamer, aber es geht! Und so wird mein ganz persönlicher Traum vielleicht wahr werden, und alle Flachdächer werden Sonnenstrom produzieren! Dann könnte die salentinische Halbinsel theoretisch doch fast autark werden – energietechnisch gesehen….Vielleicht wird dann ja aus der „Repubblica Salentina“ mehr als nur „uno stato d’animo“…..einem Gemütszustand, einem Seelenzustand, oder, sinngemäß übersetzt, einem Land, wo die Seele zuhause ist!

Ja – un pò di pazienza, ich erkläre Ihnen ja gleich, was es damit auf sich hat:

2007 wurde diese „Repubblica Salentina“ über die Schul-Kooperative „Arianoa“ – Dialekt für „Aria nuova“ – Neue Luft, besser „Neuer Wind“ gegründet. Sie besitzt kein „echtes“ Territorium, wohl aber eines der Herzen, der salentinischen Seele. Es handelt sich hierbei um eine Initiative eines Handelsgymnasiums „Costa“ in Lecce. „Repubblica Salentina“ wird als „Brand“, also als Markennamen geboren. Unter diesem Markennamen finden Events statt, werden Marketingkonzepte für die hiesige Tourismusbranche entwickelt und weitere expandierende Initiativen, wie das Beducken von Souvenirs auf den Weg gebracht, vor allem aber die hiesige Kultur und ihre Traditionen, die landschaftlichen Schönheiten, der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Salentiner neu entdeckt und gefördert. Dabei hilft in diesem Jahr „Class Action“. Class Action ist eine Schul-Reality. Sie wissen schon, diese etwas hirnlosen Shows, in denen es darum geht in einem bestimmten Zeitrahmen unter bestimmten Bedingungen auszuharren und nicht aus dem Spiel gewählt zu werden oder aufzugeben. Class Action ist aber anders. Sie greift das Reality- Konzept auf, das unter den Jugendlichen großen Erfolg hat und spickt es ein bisschen mit nützlichem und interessantem, vor allem mit jeder Menge praktischen Lerninhalten! (Huch, da ist doch glatt die Lehrkraft mit mir durchgegangen….sorry!) Die 13. Klasse, also die diesjährigen Abgänger „pushen“ das Label „Repubblica Salentina“. Dabei geht es um neue Marketing-Konzepte, es geht darum, Manager zu sein, nicht zu spielen! Das Geld dazu ist auch ganz reell. Es stammt von Spenden, die Online veröffentlicht werden, das Ganze funktioniert also wie eine richtige Firma!

Die Partie wird während des laufenden Schuljahrs gespielt. Start war im Oktober 2008, Abpfiff wird im Mai 2009, also kurz vor den schriftlichen Abi-Prüfungen sein. Die Rollenverteilung der Mitspieler ist klar. Mehrere Gruppen stellen verschiedene Unternehmer und ihr Führungspersonal dar. Die Gruppe teilt sich wiederum auf in Verantwortungsgebiete. Jede Gruppe entwickelt neue Konzepte und bringt sie real auf den Weg. Dabei ist Kreativität, Machbarkeit, Finanzierbarkeit genauso gefragt wie die Fähigkeit, wirkliche Unternehmen zu finden, die die Marketingkonzepte aufzunehmen und sie umzusetzen. bereit sind. Ziel ist, in den 8 Monaten die „Repubblica Salentina“ als Markennamen bekannter zu machen.

Ihr Motto ist: „Nulla Dies Sine Linea“ – frei übersetzt „Kein Tag ohne Aktion“
Damit erklärt sich auch der Titel dieser Initiative „Class Action“

Die Lernziele sind hoch gesteckt und pragmatisch ausgerichtet. Es geht nicht um eine Unternehmenssimulation, sondern um ein echtes Unternehmen. Es geht um Kreativität und Machbarkeit, um Teamfähigkeit und um Führungsqualitäten. Es geht außerdem um den business-mäßigen Umgang mit den neuen Technologien, die SchülerInnen in ihrem Alter sonst eigentlich mehr als Sozialisierungsmedium kennen.

Zum „Spiel“ wird das Ganze dadurch, dass online Punkte vergeben werden, die Mitspieler über ihre Initiativen Buch führen und auch direkt bewertet werden. Die Schiedsrichter sind aufgeteilt in Lehrer, online-Besucher und eingetragenen „watchers“. Ein telefonisches Interview mit einer der verantwortlichen Lehrkräfte hat ergeben, dass es keinen „Gewinn“ als solchen gibt. Kein Geld zumindest! Selbstverständlich werden Teilnahmezertifikate ausgestellt, Schulcredits vergeben. Die Schüler hoffen jetzt auf eine in Aussicht gestellte Einladung im italienischen Fernsehen, das ist aber noch nicht bestätigt. Auf alle Fälle können sie sich aber als Urheber der Repubblica Salentina fühlen, als Unternehmer in eigener Sache, nämlich, Promotioners für ihre Region.

Meiner Ansicht nach ist dies eine mehr als gelungene Art, Schule zu gestalten.

Wir haben schon den 08. Februar und, der Februar hält was er verspricht. Es gibt zwar hie und dort einige Sonnentage, aber es ist noch immer recht frisch und der Winter ist noch nicht vorbei!

Der nächste Monat handelt dann endgültig vom Frühling…….

Freitag, 16. Januar 2009

Toter Januar? Im Antonio-Feuer


Januar

Mancaversa am 03. Januar 2009
Uff. Finalmente! Heute morgen habe ich die Weihnachtsdeko verpackt und das neue Jahr kann beginnen. Ehrlich gesagt bin ich mit den besten Vorsätzen aufgestanden, einen langen Walking-Spaziergang zu machen…Sie wissen, die Weihnachts-Völlerei…Aber das Wetter hat mir, Petrus Sei’s gedankt, einen Strich durch die Rechnung gemacht. So verregnete Feiertage wie dieses Jahr hatten wir schon lange nicht mehr…klar, nach der extremen Wasserknappheit dieses Herbstes waren die Regentage im November und Dezember ein Geschenk des Himmels, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber Gift für die Linie…..naja, genug gejammert. Nur wegen des Sonnenscheins purzeln die Pfunde auch nicht!

Januar ist hier im Salento auch nicht der kälteste Monat des Jahres. Das Primat hat der Februar inne. Wenn schon die Mandelbäume blühen schlägt der salentinische Winter noch mal so richtig zu…Aber das halten wir aus. Wir wissen ja, dass es dann auch endgültig vorbei ist.

Trotzdem der Januar also nicht der kälteste Monat im salentinischen Kalenderjahr ist, charakterisiert ihn dennoch ein Feuer gigantischen Ausmaßes am 16. Januar abends in Novoli (ca. 10km westlich von Lecce): La „fuocara“ di Sant’ Antonio Abate. Wieder ein Heiliger, der hinhalten muss für die ursprünglich gar nicht so christlichen Bräuche im Salento. Was hat es damit auf sich?

Wenn die Weinernte um Novoli Ende September abgeschlossen ist und der Negramaro, der hiesige autoktone Rote gekeltert wird, werden die Rebstöcke kräftig für den Winter eingeschnitten. Was sonst auf irgendeinem Feld in der Nähe nach und nach verbrannt werden würde, wird in Novoli und Umgebung gesammelt und gesammelt und gesammelt. Olivenholzreste, alte Stoffe und noch so manches ausgediente hölzerne Möbelstück wird aufgehoben und aufgeschichtet auf der Piazza Tito Schipa von Novoli. Das Zauberwort heißt: Aufschichten. Denn das Material wird nicht einfach so aufeinander geworfen, wie’s kommt. Nein nein, seit Generationen lehren die Väter ihren Söhnen, die „focara“ kunstvoll aufzuschichten, die Materialien miteinander zu verknüpfen und zu verweben, sodass nicht einmal ein Sturm die „Focara“ umwerfen kann. Am Ende steht eine hölzerne Pyramide, ca. 20mt im Durchmesser und eben so hoch, ein gigantisches Freudenfeuer für die einen, ein Mega-Scheiterhaufen für die anderen. Woher stammt diese uralte Tradition?

Dem Heiligen Antonio Abate wird seit Urzeiten die Macht über das Feuer zugesprochen. Nicht umsonst nennt man ihn auch „Sant’ Antonio del fuoco“ – des Feuers. Der Heilige Antonio lebte im 3. – 4.Jh. im Nahen Osten. Er ist Stadtpatron von Novoli, weil er die Stadt von einem Feuer gerettet haben soll. Außerdem hat er laut seiner Biografie den Dämon bezwungen (die Begegnung wird ähnlich beschrieben wie die des Jesus in der Wüste) und eignet er sich damit schon aus zwei Gründen prima als Schutzpatron. Ihm zu Ehren wird am 16.01. die gigantische Focara entzündet. Am 17., dem eigentlichen Festtag, werden Tiere vor den Kirchen gesegnet. Auch diese Tradition wird dem Heiligen Antonio zugeordnet.

Ich kann Ihnen garantieren, dass Ihnen nicht kalt wird, wenn Sie sich entschließen, am 16.01. den Abend in Novoli zu verbringen. Abgesehen von der Tatsache, dass Novoli ein kleiner Ort ist und die vielen Autos weit vor dem Ort geparkt werden müssen (der erweiterte Stadtkern wird schon am Morgen abgesperrt), Sie also schon mal zu einer Wanderung im Abendschein gezwungen sind, sind da außer Ihnen jährlich noch weitere rund 50.000 Personen, es ist also schön kuschelig. Das Riesenfeuer tut dann ein Übriges. Und falls es immer noch frostig ist….es gibt ja noch den Vincotto…das ist bis zur Unkenntlichkeit eingekochter Rotwein, als Sirup gereicht. Schmeckt zu solchen Gelegenheiten mit den unvermeidlichen Pittule, die man darin tunkt, fantastisch.


07. Januar 2009

Sie werden sich vielleicht fragen, warum ich über meine Wahlheimat immer nur Kurioses schreibe, wo man doch auf der ganzen Welt tagtäglich über das eine Übel Italiens hört, sieht und liest, das Italien seit über 100 Jahren fest im Griff hat und auch nicht loslassen will: Die Mafia. Besonders im Süden, werden Sie gedacht haben, kann man sich diesem Phänomen ja nicht verschließen….und spätestens seit dem weltweiten Erfolg des Buches „Gomorrha“ von Roberto Saviano weiß man auch im Ausland ganz genau, was in Italien „geht“….

Wenig wird aber darüber berichtet, was gegen die Mafia getan wird. Erst kürzlich habe ich etwas mehr über die Organisation „Libera“ erfahren. „Libera“ bedeutet „frei“ und so banal das klingen mag – es ist es ganz und gar nicht. Frei sein kann nur, wer über sich, seine Familie, seine beruflichen Aktivitäten frei entscheiden kann. Das organisierte Verbrechen, wie ich bereits auf der Webseite „in-Italy“ schrieb, (http://www.in-italy.de/italien/artikel/3535-wo-liegt-der-sueden-italiens-eigentlich),hat längst viel weit reichendere Ambitionen: Das Ausland, die Politik und Wirtschaft, das sind die Sparten, in denen die Mafia inzwischen ihre Tentakeln ausgebreitet hat.

Das organisierte Verbrechen investiert die Gewinne weiterhin in Italien – in ganz Italien, um genau zu sein. Riesige Ländereien, Deck-Firmen usw. gehören der Mafia. Libera kümmert sich darum, dass nach der Konfiszierung durch den Staat diese Immobilien nicht brachliegen, verfallen oder gar wieder durch Mittelsmänner auf Gerichtsversteigerungen der Mafia zugeführt werden, sondern Kooperativen, Vereinen, Jungunternehmern etc. verpachtet werden. Erst letzten Freitag habe ich auf einer Schulveranstaltung Frau Marisa Capone getroffen. Sie ist Provinzreferentin für Lecce und erklärte mir Existenz und Wirken der Associazione „Libera“. 1995 gab es in Italien ein Referendum (eine Volksbefragung). Diese Referenden empfinde ich als ein grandioses Instrument der direkten Demokratie. Wenn gegen oder für eine Sache ein Minimum an Stimmen gesammelt werden, muss von der Legislative ein Volksentscheid diesbezüglich angestrengt werden. So wurde in der ferneren Vergangenheit gegen alle politischen Kräfte die Scheidung eingeführt, das Recht der Frau auf Schwangerschaftsunterbrechung usw. usw. Dieses demokratische Instrument funktioniert nur nach hinlänglicher und gut ausgeführter vorheriger Aufklärung. Und 1995 hat es einmal mehr funktioniert. „Libera“ hat sich als Verein konstituiert und in nur 3 Monaten einen Volksentscheid erreicht, der innerhalb desselben Jahres durchgeführt wurde und auch gleich 1996 als eines der wichtigsten Gesetzesentwürfe über den Verbleib der Mafiabesitztümer „durchgedrückt“. Dieses Gesetz 109 vom 09.März 1996 reguliert die Verwendung der endgültig konfiszierten immobilen Besitztümer des organisierten Verbrechens. Ich habe Frau Capone gefragt, wie genau diese Verwendungsänderung vor sich geht: Die endgültige Konfiszierung und anschließende Enteignung der Besitztümer erfolgt auf langen juristischen Wegen nach insgesamt 3 Instanzen. Wird nachgewiesen, dass die Immobilien tatsächlich „der Mafia“ gehören, mit Geld unbekannter Herkunft erworben oder erbaut wurden, werden diese enteignet und der jeweiligen Gemeinde unterstellt. Damit war lange Zeit auch schon alles vorbei. Entweder die Gemeinde brachte den Mut und das Geld auf, die enteigneten Objekte unter ihrer Schirmherrschaft „funktionieren“ zu lassen, oder ganze Landzüge, Villen, Appartements etc. lagen für immer brach und verfielen ganz, es sei denn, sie wurden versteigert. Bei diesen Versteigerungen konnte aber nie ausgeschlossen werden, dass nicht über Strohmänner doch wieder die ursprünglichen Besitzer, oder schlimmer noch, deren verfeindete Gegenspieler in den Besitz dieser Objekte gelangten.

Seitdem „Libera“ sich mit viel Mut diesen „unberührbaren“ Besitztümern angenommen hat, laufen die Dinge anders. Durch die Ernennung eines Verwalters gelangt „Libera“ in Mitverantwortung und führt gemeinsam mit der jeweiligen Gemeinde eine Kooperative oder Jungunternehmer, die durch die vorherige Bewilligung eines Projektes für die „Inbesitznahme“ qualifiziert worden sind, an die Objekte heran. Frau Capone erklärte mir, dass fast alle Kooperativen, die heute mit der Lebensmittelproduktion beschäftigt sind, anerkannte Bioprodukte herstellen: Pasta, Olivenöl, aber auch Zitrusfrüchte, Wein, Gemüse, Honig und Marmellade, Salami und Käse….Sie alle kürt das Markenzeichen: Libera Terra (Freie Erde). Und das ist mehr als nur ein Logo für Qualität. Vor allem ist es ein richtiger Schritt in die richtige Richtung: „buono, sano e giusto“. Die Produkte seien „gut, gesund und gerecht“. Ein besseres Marketing kann man dafür gar nicht entwickeln. Dahinter steht eine ganze Organisation, das „Consorzio sviluppo e legalità“ – das Konsortium Entwicklung und Legalität, Coop-Freunde (gli amici coop) usw. Vor allem aber stehen Institutionen, Schulen, Gruppen und Privatpersonen hinter „Libera“ und geben „Legalitätskurse“, informieren an Schulen, organisieren Konferenzen und Diskussionsforen usw. Wenn, wie es im Februar-März 2009 passieren wird, dass in Casarano das Urteil die endgültigen Enteignung eines Objekts (ein Appartement) erwartet wird, stehen schon alle in den Startlöchern. Gemeinsam werden die Projekte zur Weiterverwendung beurteilt, das Beste im Gremium ausgewählt, es wird wieder einmal informiert. Frau Capone hat mich eingeladen, den Versammlungen beizuwohnen und ich werde sicherlich weiter darüber berichten.

„Libera“ hat außerdem den 21. März als Gedenktag für alle Opfer der Mafia ausgerufen. Mehr noch. Der 27. Januar, seit jeher als Gedenktag für die Opfer des Holocausts hier in Italien bekannt, soll, nach „Libera“ auch der Tag des sozialen Befreiung aus der Mafiaknechtschaft werden.

Aktuell gibt es in der Provinz Lecce 66 konfiszierte Objekte verteilt auf 13 Gemeinden.

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt „Libera“s ist das „Aufmerksam machen“ auf die internationale Vernetzung des organisierten Verbrechens. Frau Capone sagte mir: „Die Deutschen sind nach den Vielfachmorden von Duisburg (15.08.2007 Anm.d.A.) aufgewacht. Da haben auch die deutschen Bürger bemerkt, dass die Mafia direkt unter ihnen weilt, dass sie in ihren Lokalen speisen, dass der nette Kellner vielleicht ein Scherge ist.“ Damit will sie keineswegs die vielen italienischen Gastarbeiter, die sehr gut in Deutschland integriert sind und die ehrlich ihr Brot verdienen, diskreditieren. Vielmehr will sie darauf aufmerksam machen, dass das kein isoliertes sizilianisches, oder italienisches Phänomen ist. Das organisierte Verbrechen ist leider überall präsent und jede Verhaftung, jedes aufgedeckte Netzwerk sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wer mehr wissen will kann mir gerne schreiben, ich leite alle Fragen an Frau Capone weiter.
Im Moment bemühe ich mich um die Erlaubnis, das Label von Associazione Libera hier auf meinem Blog führen zu dürfen. Flagge zeigen…

Ein weiterer sehr informativer Artikel zu „Libera“ erschien im April 2008 im Stern. Er ist nachzulesen unter:
http://www.stern.de/panorama/:Terra-Libera-Mit-Oliven%F61-Mafia/617736.html

Auch die deutsche OEKOGENO aus Freiburg hat 2008 in seinem Jahresbericht „Libera“ erwähnt:

http://www.oekogeno.de/uploads/pdf/Gutes_Geld_Herbst_2008.pdf

Suchen Sie verstärkt „Terra Libera“ –Produkte. Die Mafia dankt es Ihnen bestimmt nicht!

Inzwischen haben wir Mitte Januar. Ich entschuldige mich an diesem Punkt nochmals für die Verspätung, mit der mein Januar-Kapitel hier im Blog erscheint.

Das Leben geht seinen gewohnten. Gang. „solita vita“ – wie die Italiener sagen. Das Wetter ist uns dieses Jahr auch nicht hold, in den letzten Jahren erinnere ich viel wärmere und trockenere Januare und die Grippewelle erfasst ganz Italien mit unglaublicher Wucht…

Wenn Sie außerhalb der Badesaison Italien besuchen, wird Ihnen an den Einheimischen eins auffallen: Sie sind vermummt. Auch heute noch tun mir die kleinen Kinder leid, die im schönsten Sonnenschein angezogen werden, als müsste man nicht am Kindergarten, sondern am Nordpol aus dem schützenden Auto aussteigen. „Und dann wundern sich die Mütter, wenn ihre Kleinen ständig krank sind…“ dachte ich jahrelang fast verächtlich. Nun, die Zeit lehrt…inzwischen bin ich auch etwas anders angezogen, zumindest, wenn ich längere Spaziergänge vorhabe. Das liegt daran, dass vor allem der Salento sehr windig ist. Er liegt, wie Sie wissen, zwischen zwei Meeren und genau das macht das Klima auch im Sommer etwas angenehmer als anderswo. Nur vom Herbst bis zum Frühjahr hat das auch seine Tücken. Der Wind ist kalt, auch wenn die Sonne, wie beispielsweise gestern in den Mittagsstunden vom Himmel brennt und das Sonnenthermometer auf laue 23 Grad aufheizt. Aber nur in der Sonne. Der Wind kam aus Norden (Tramontana….trocken und eisig) und auch nur 10 Minuten draußen im Fleecepulli (um zu sehen, was meine Blumen und Pflanzen machen) und mir kratzte der Hals….Dasselbe passiert bei Scirocco. Der Wind ist zwar warm, aber er ist gleichzeitig feucht. Diese tückische Mischung lässt schwitzen, aber wehe, man zieht sich aus. Sie werden sagen…na wenn sie aber auch keine Abwehrkräfte besitzt….nun vielleicht nicht genug, aber selbst die, die hart im Nehmen sind, ziehen sich hier anders an. Denken Sie also daran. Windfeste Kleidung und wenigstens ein Stirnband sind im Süden im Winter auf alle Fälle nicht falsch. Überhaupt ist es nicht so, dass die Italiener gar nicht ins Freie gehen. Die hier so gern gesehenen Open-Air Konzerte gibt’s auch mitten im Winter und das hat schon was…Vor ein paar Jahren habe ich auch schon darüber berichtet…

http://www.in-italy.de/italien/artikel/3533-von-taranteln-und-gezwickten"